Warum unglückliche Menschen so viel über sich selbst sprechen (und nachdenken)

Unglückliche Menschen sprechen hauptsächlich in der Ich-Form, fand eine Studie [1] heraus. Das zeigt: Unglücklichsein hat damit zu tun, dass ich mich übermäßig und fast zwanghaft mit mir und meinen Problemen beschäftige. Fünf einfache Grundsätze für unser eigenes Glück.

Gidon Wagner

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Hi, ich bin Gidon – Journalist und Buchautor. Ich beschäftige mich nun seit über 10 Jahren damit, was Menschen glücklich macht.

Das problematische Ich: Das wahre Problem

Ich hatte ein großes Tief. Ich war ununterbrochen müde, matt und deprimiert. Mit zwei Ausnahmen: Erstens: Beim Sport. Zweitens: Wenn ich mit anderen Menschen gesprochen habe, zum Beispiel mit Nachbarn auf der Straße einen Witz gemacht und gelacht habe. Dann habe ich mich plötzlich gut gefühlt – wenn auch nur für ein paar Sekunden.

Ich war nicht mehr mit meinem problematischen Ich beschäftigt. Die Welt war okay, während wir da standen, uns gut unterhielten, lachten. Ich habe mich danach immer gefragt: Warum geht es mir jetzt wieder so schlecht? Muss ich jetzt für immer mit Nachbarn auf der Straße Witze reißen und mich unterhalten, um mich gut zu fühlen? Das problematische Ich war wieder da. Habe ich eine Depression? Wird es mir jemals wieder gut gehen? Wie soll das nur mit der Arbeit klappen? Wie soll ich die nächsten 30 Jahre klar kommen?

Die Wissenschaft bestätigt: Unglückliche Menschen beschäftigen sich stark mit sich selbst. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Sobald ich nicht mehr mit mir selbst beschäftigt war, sondern Spaß hatte oder mich auf schöne Dinge konzentrierte, ging es mir besser. Was können wir daraus also lernen?

Regel 1: Wer anderen Interesse schenkt, bekommt auch viel

„Der ist nur mit sich selbst beschäftigt“ – damit meint man für gewöhnlich keinen Menschen, der viel meditiert oder einfach nur sehr selbstreflektiert ist und sich deshalb mit sich selbst beschäftigt. Aber nicht nur arrogante Egozentriker, sondern auch chronisch unglückliche Menschen denken sehr viel über sich nach und sprechen demnach auch sehr viel über sich.

Auch wenn sie sich nicht selbst zum Thema machen, beziehen sie alles um sie herum stark auf sich selbst.

 Zum Beispiel kreiste in meinem Kopf sehr lange Zeit die Frage, was macht mich glücklich? Je mehr ich darüber nachdachte, desto unglücklicher und verzweifelter wurde ich. 

Denn ich konzentrierte mich immer stärker auf meine Probleme; dass mit mir etwas nicht stimmt. Und ich fand nie eine Antwort, denn es kann keine dauerhafte Antwort auf diese Frage geben.

Ich habe mich in der Zeit zum Beispiel nie gefragt, was andere glücklich machen könnte. Hätte ich das getan, hätte ich sofort Ideen und Freude in mein Leben gebracht, was ich zum Beispiel für einen Freund oder Bekannten tun könnte.

Das fühlt sich sofort viel leichter und schöner an, als das Grübeln: was macht mich glücklich?? Und vielleicht hätte ich dadurch auch selbst neue Dinge gefunden, die mir Spaß machen. Ich hätte nicht mehr meine Probleme gesehen, sondern mich mit dem Guten im Leben beschäftigt. Das Wichtigste aber: Geben ist eine ganz andere Qualität als Nehmen. Wenn ich gebe, bekomme ich gleichzeitig.

Mein Tipp: Probier es aus. Gib anderen Menschen das, was du eigentlich von ihnen haben willst. Und dann schau, was passiert.

2. Wer über sich selbst nachdenkt, fühlt sich mehr allein und isoliert sich von anderen

Warum geht es den anderen so gut und mir so schlecht? Wer so denkt, fühlt sich alleine. Sehr alleine. Alle sind gegen mich. Wer sich ständig mit sich und seinen unglücklichen Gedanken beschäftigt, der nimm die anderen gar nicht mehr wahr. Er sieht sie nur noch als Fremde, die zum eigenen Vorteil gereichen oder nicht.

Aber nicht mehr als das, was sie sind: Mitbewohner dieses Planeten, Verbundene, Freunde, Bekanntschaften, Begegnungen. Mit denen ich mich verbinden kann und durch diesen Austausch viel bekomme. Interesse an anderen und der Welt erfüllt mich, bringt Neues ins Leben, verbindet.

Ich lerne mehr und habe mehr Spaß, als wenn ich immer wieder meinen Gedanken in ihrem Kreisel folge.

3. Wer über sich nachdenkt, grübelt. Wer anderen Aufmerksamkeit schenkt, LEBT

Ich bekomme diesen leeren Blick, wenn ich auf der Couch sitze und über mich und mein Leben nachdenke. Ich starre vor mich hin. Dann bemerke ich das und reiße mich selbst raus aus dieser Grübel-Starre. Wenn ich an jemand anderen denke – zum Beispiel an einen Freund – muss ich oft lächeln oder bekomme den Impuls, die oder denjenigen anzurufen.

Ich lebe, ich bin lebendig. Grübeln passiert, wenn ich ein Problem im Kopf lösen möchte. Und das Problem hat meistens mit mir zu tun. Ich grüble nie, während ich mir vorstelle, wie zwei andere Menschen ein Problem haben. Immer bin mindestens ich beteiligt an meinen Problemen.

Wenn ich nicht über mich nachdenke, lösen sich die Probleme oft ganz von selbst. Weil ich dann frei vom Grübeln bin und mein Kopf klar genug ist, damit ich handeln kann.

4. Über mich sprechen und nachdenken macht weniger Spaß

Über mich sprechen oder nachdenken ist langweilig. Ich erfahre dabei nichts Neues, schließlich kenne ich meine Gedanken über mich selbst nur zu gut. Auch meinen Gesprächspartner langweilt es vielleicht, wenn ich nur von mir spreche. Außer, er hat mir eine Frage gestellt, über meine Meinung zum Beispiel.

So oder so: Viel mehr Spaß macht es, über etwas zu sprechen, das uns beide interessiert. Den anderen zum Beispiel! Ich bekomme viel mehr, wenn ich mich für mein Gegenüber interessiere. Lerne ihn oder sie besser kennen, oder lerne ganz neue Seiten an mir kennen durch seine Sicht auf die Welt.

Etwas anderes ist, die eigenen Gedanken einmal bewusst zu beobachten und zu hinterfragen. Damit lernt man sich selbst tatsächlich besser kennen – das hat aber nichts mit über mich nachgrübeln zu tun. Ich denke dabei nicht über mich nach, wie ich mich bisher kannte, sondern es offenbart sich bei dieser Meditation eine ganz neue Persönlichkeit, frei von Problemen, Angst und Stress. Und das macht jede Menge Spaß!

5. Wer über sich selbst nachdenkt, übersieht die Lösungen und Chancen um sich herum

Der beliebte Autor und Redner Barry Long unterschied zwischen Denken und Sehen. Mit Denken meinte er meiner Meinung nach vor allem grübeln. Frei übersetzt sagte er:

Sehen ist nicht Denken. Sehen ist Handeln. Du siehst, was da ist. Du stellst dir nicht vor, was da ist. Dein Chef will, dass du dir ein Problem anschaust und dann siehst, welche Ressourcen zur Verfügung stehen, um das Problem zu lösen. Und er möchte, dass du in der Lage bist, nach deiner eigenen Erfahrung zu sehen, was die beste Vorgehensweise ist. Du lebst ein effektives Leben, indem du siehst und handelst. Du machst dich selbst emotional verrückt, wenn du nachdenkst.

Emotional verrückt, weil auf jeden Gedanken ein Gefühl folgt. Und weil sich Gedanken über mich selbst sehr oft um meine Probleme drehen, schieße ich mir mit meinen Gedanken andauernd selbst ins Bein. Bis ich den Schmerz gar nicht mehr richtig wahrnehme, weil ich ihn so gewohnt bin.

Wie kann ich aufhören, ständig über mich und meine Probleme nachzudenken?

Meine Lösung der Wahl dafür ist die Methode The Work von Byron Katie. Hier findest du mehr dazu: http://herzbiskopf.de/the-work-eine-einfache-selbsthilfe-technik-fuer-jedes-problem/. Mehr Informationen über das Leben mit dieser Methode findest du auch in meinem Buch Dein Weg zum Selbstbewusstsein.

Es gibt viele Wege, das zwanghafte Grübeln zu unterbrechen und abzuschwächen. Eckhart Tolle hat in seinem Buch „Jetzt, die Kraft der Gegenwart“ zum Beispiel darüber geschrieben. Wenn du es nicht kennst, empfehle ich dir unbedingt, das Buch zu lesen.

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1 Quelle der ganz oben erwähnten Studie: http://bigthink.com/the-conversation/people-with-depression-use-language-differently-nil-heres-how-to-spot-it

Foto: Dr. Michael Ellerbeck

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