So oft habe ich mir vorgenommen: Jetzt packe ich es an. Jetzt wird alles besser! Und dann finde ich mich wieder, lebend, aber nicht lebendig, unzufrieden mit dem Status Quo. Alles muss, nichts kann. Und ich? Ich muss mein Leben in den Griff bekommen – oder geht’s auch anders?

Ich sitze beim Frühstück auf meinem Balkon, esse ein Käsebrot und mein Blick bleibt auf meinem weißen Geländer hängen. Ich schaue ins Leere, fühle mich matt und müde, und bemerke den Gedanken: Ich muss mein Leben in den Griff bekommen. Ich kenne diesen Gedanken nur zu gut, fast in jeder Phase meines Lebens habe ich ihn gedacht. Aber stimmt er? Eine Selbstreflexion mit „The Work“.

Ich muss mein Leben in den Griff bekommen – ist das wahr?

Ja

Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

Nein

Wie reagierst du, was passiert in dieser Situation, wenn du diesen Gedanken glaubst?

Ich sehe vor meinem inneren Auge Bilder der letzten Jahren, was ich im Büro gemacht habe, was ich erreicht habe, und sehe die Zukunft, wie ich immer noch müde hier sitze und nicht weitergekommen bin. Wie ich für immer weiter arbeiten muss, ohne mir endlich meine Träume und Wünsche erfüllen zu können. 

Ich bin unter Druck, missmutig, fühle mich schwach, minderwertig, bin hart zu mir und denke, ich bekomme es nicht hin. 

Ich stelle mir vor, wie es sein sollte, mein Leben. Ich bin unzufrieden mit mir, ungeduldig und sehe nichts Gutes in meinem Leben. Ich sehe nur, dass es mir schlecht geht. Meine Arme und mein Oberkörper spannen sich an, ich bin unruhig und nervös. Ich sehe mich als Kind traurig und verzweifelt in meinem Zimmer sitzen und aufschreiben, dass ich nicht so bin, wie ich sein sollte. 

Wer wärst du ohne den Gedanken „Ich muss mein Leben in den Griff bekommen“?

Ich wäre entspannter, lockerer, ich hätte kein Problem damit wie es mir gerade geht, wäre zufrieden und würde mich lebendiger fühlen. Ich könnte den Moment einfach passieren lassen, wäre nicht angestrengt. Ich wäre gespannt, was als Nächstes passiert. Ich würde mehr wertschätzen, was gerade ist, ich fände es wichtig, gut, wertvoll, würde sehen, dass das Leben heilig und gut ist.

Umkehrungen

Ich muss mein Leben in den Griff bekommen – kann ich Beispiele in diesem Moment finden, warum das Gegenteil genau so wahr oder wahrer ist?

Ich muss mein Leben einfach geschehen lassen

  • Beispiel eins in dieser Situation: Icn sollte mein Leben einfach geschehen lassen, weil es schon ohne mein Zutun ist, wie es ist, ob ich will oder nicht in diesem Moment. Ich habe ja ganz offenbar keine Kontrolle darüber, wie es mir in diesem Moment geht.
  • Beispiel zwei: Weil mein Leben vielleicht schon genau richtig ist, ich weiß ja nicht, was passieren wird.
  • Drittes Beispiel: Vielleicht führt es ja auf etwas ganz Tolles hinaus, wenn ich es einfach geschehen lasse. In diesem Moment kann ich auf jeden Fall wenig daran ändern, mir geht es, wie es mir geht.
  • Viertes Beispiel: Weil es in diesem Moment, hier auf dem Balkon gar nichts gibt, was ich in den Griff bekommen sollte. Ich habe nur einfach die Vergangenheit und die Zukunft im Kopf und denke, die Kontrolle darüber haben zu müssen. Jetzt und hier in diesem Moment sitze ich, bin müde, es geht mir so wie es mir geht und es gibt nichts zu kontrollieren.

Ich muss mein Leben nicht in den Griff bekommen

  • Erstes Beispiel: Weil ich in der Vergangenheit oft dachte, mein Leben sollte so oder so laufen, und dann hat es sich als Fehler, als falsche Annahme herausgestellt. Ich weiß also gar nicht, wie mein Leben laufen sollte.
  • Zweites Beispiel: Weil ich als Gidon Wagner doch viel zu klein bin, um am Leben etwas auszurichten. Wenn, müsste sich ja das ganze Universum ändern, damit mein Leben anders läuft als es eh schon passiert. Alles hängt zusammen, seit es als kleiner Punkt im Urknall entstanden ist und sich begonnen hat zu entwickeln.
  • Drittes Beispiel: weil ich vielleicht gar nicht weiß, was passieren muss, damit es „gut“ ist.

Ich muss mein Denken in den Griff bekommen

  • Erstens: weil es mich unglücklich macht, wenn ich meinen Gedanken in jede Richtung folge, die sie nehmen. Es macht mich unglücklich, nervös, verwirrt.
  • Zweites Beispiel: Weil mein Denken mich davon abhält, wirklich hier zu sein, ich stöbere in der Vergangenheit und versuche, mir die Zukunft vorzustellen. Ich bin nicht hier mit meiner Aufmerksamkeit und ich verpasse das Leben!
  • Drittes Beispiel: Abgesehen von meinem Denken und meinen Befürchtungen in diesem Moment, ist doch alles in Ordnung. Ich esse mein Käsebrot, bin etwas müde, muss gerade nichts bestimmtes tun.
  • Viertes Beispiel: Weil mein Denken in diesem Moment nur überflüssigen Lärm erzeugt. Es hilft mir nicht, etwas zu tun, eine Lösung zu finden, sondern beklagt sich nur und zieht mich weiter runter.  Und wenn ich es nicht hier und jetzt mit dieser Arbeit überprüfen würde, würde es mich immer depressiver machen.

Artikel zum Thema: Du brauchst NICHTS, um glücklich zu sein – außer das, was du jetzt hast

Mehr über Selbstreflexion mit The Work: Eine einfache Selbsthilfetechnik für jedes Problem

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