In der Welt der Ratgeber hörst und liest du immer wieder: Finde deine Stärken heraus! Konzentriere dich auf deine Stärken! Warum das keinen Sinn macht und sogar schaden kann. Inklusive einem Tipp für alle, die trotzdem ihre Stärken festhalten wollen. Denn dann sollen es wenigstens die persönlich wichtigen Punkte sein, statt bloß leere Sprüche.

1. Deine Schwächen von heute können Stärken von morgen sein – und umgekehrt

Noch vor zwei Jahren hätte ich dir gesagt: Heimwerken? Handwerken? Das ist nichts für mich. Mit einem Hammer verletze ich mich höchstens selbst. Dann, um inmitten einer schwierigen Beziehung etwas Positives und Kreatives zu tun, begann ich im Keller mein erstes Bauprojekt – ein Vogelhaus. Es entstand eine Villa – die Villa Vogelwild (Bild folgt). Eins kam zum anderen und inzwischen baue ich mir Möbel selbst. Handwerken, eine Stärke? Das ist eine Schwäche von gestern, die ich zum Glück nie in einer Liste fest zementiert habe.

Andersrum kann meine persönliche Stärke – hartnäckig an Sachen dran bleiben – auch eine Schwäche werden. Ich hätte deswegen mal fast meine junge Firma verloren, weil ich jahrelang hartnäckig in die falsche Richtung marschiert bin.

2. Ich kenne mich selbst nicht – ich entdecke mich täglich neu

Die Geschichte von meiner Heimwerkerei zeigt, dass ich keine Ahnung habe, welche Stärken in mir schlummern. Ich habe keine Ahnung, was noch verborgen liegt in diesem Leben. Und ich will offen bleiben dafür.

Was bringt es mir, meine Stärken aufzuschreiben? Ich bekomme ein falsches, unvollständiges Bild von mir. Wem es darum geht, sein Selbstwertgefühl zu steigern, der sollte aus meiner Erfahrung das in sich hinterfragen, was ihm den Selbstwert nimmt. Anstatt auf irgendwelchen ausgedachten Schwächen herumzureiten und sich weiterhin mies zu fühlen.

Als ich am Boden lag, ausgebrannt und depressiv war, glaubte ich, dass mein Leben ein Fehlschlag, ein Witz war. Ich hatte nichts mehr, dachte ich. Nichts machte mehr Spaß. Auch nicht meine Stärken – wie Musik machen, Websites bauen, Texte schreiben. Im Gegenteil, ich konnte das alles nicht mehr, hatte die Ruhe nicht dazu und konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder an einem Schreibtisch zu sitzen. Alles schien zu verblassen.

Da hätte es mir nichts gebracht, meine angeblichen Stärken in eine Liste zu schreiben. Meine Urteile über die Welt und die Berufswelt zu hinterfragen und damit meinen Stress abzubauen, mich in meiner Meditation mit The Work selbst neu zu erfahren, das brachte mir etwas. Damit kamen alte und neue Stärken in mein Leben (zurück).

3. Viele Schwächen und Stärken sind Urteile anderer, die wir nun selbst glauben

Ich dachte, ich kann gut singen. Meine Ex-Partnerin sagte mir einmal, sie fände, ich hätte keine besonders gute Stimme. Und ich in meiner Schwäche und meiner Suche nach Anerkennung war am Boden zerstört. Unsicher. Zweifelnd. Ich merkte dabei, dass ich selbst erst angefangen hatte zu glauben, ich könne gut singen, als mir das andere gesagt hatten.

Und was ist mit mir? Was finde ich?

Das ist die wichtige Frage. Eine Stärke oder eine Schwäche ist ein Urteil über mich. Ich kann dieses Urteil hinterfragen und sehen, dass andere vielleicht ganz anders darüber denken als ich. Das zeigt, wie unbedeutend so ein Urteil ist. Heute denke ich, ich mache dies und jenes ganz toll, morgen denke ich vielleicht anders darüber.

Eine Sängerin kann sich nie ganz sicher sein, ob die Menschen ihre Stimme oder vielleicht ihr Aussehen oder etwas ganz anderes an ihr wertschätzen. Wichtig ist doch, ob ihr das Singen Freude macht. Ob es ihr gefällt. Wenn andere zuhören, ist das schön. Wenn sie aber daraus ihr Selbstbewusstsein bezieht, steht sie auf dünnem Eis.

Urteile ändern sich. Stärken ändern sich. Schwächen ändern sich. Wer du wirklich bist, aus deiner Erfahrung JETZT, das spielt für dich eine Rolle. Das ist wichtig. Das ändert sich niemals. Deswegen ist das für mich die wichtigste Frage bei der ganzen Jagt nach Selbstbewusstsein: Wer bin ich wirklich? Hier und jetzt? Und kann ich mich annehmen, lieben?

4. Tipp für alle, die trotzdem ihre Stärken aufschreiben wollen: Nur, was wir fühlen, bewegt etwas in uns

Wenn ich eine Stärke aufschreibe und dabei nichts fühle, ist sie nur Theorie. Beispiel: Wenn ich mich schlecht und mutlos fühle und aufschreibe, dass ich (eigentlich) ein Optimist bin und das sei eine Stärke, ist das nur ein leerer Spruch.

Wenn ich dasitze und meine Stärken aufschreibe, muss ich dabei zumindest etwas fühlen – das gibt der Übung etwas Kraft für das eigene Selbstbewusstsein. Die Kraft, sich selbst aus einer schöneren Perspektive zu betrachten. Das geht nur, wenn ich ein Bild, ein konkretes, lebhaftes Beispiel dazu vor Augen habe.

Wenn ich mich mies fühle und eine Liste über meine Stärken schreibe, muss ich also meine Antwort als Stärke erleben. Die erste erlebbare, unmittelbare Stärke, die mir in so einer Situation einfällt, wäre: Ich sitze hier inmitten meiner dunkelsten Stunde, und schreibe eine Liste über meine Stärken. Das ist ganz schön stark!

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Bild von Elias Sch. auf Pixabay

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