Flirten in Zeiten von WhatsApp kann ganz schön anstrengend sein. Es ist schön, mit jemandem hin und her zu schreiben und zu merken, dass der andere Interesse an mir hat. Aber was, wenn die gewünschten Antworten ausbleiben? Frustration. Unsicherheit. Unzufriedenheit. Wie ich Beziehungen ohne das Verlangen nach Bestätigung aufbaue – und warum nie der andere die Quelle für meine Frustration sein kann.

Gidon Wagner

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Hi, ich bin Gidon – Journalist und Buchautor. Ich beschäftige mich nun seit über 10 Jahren damit, was Menschen glücklich macht.

Deprimierend kann eine ausbleibende Antwort vor allem sein, wenn ich von meinem „Gesprächspartner“ mehr will, als bloß ein bisschen hin und her schreiben. Ich will eine aufregende Unterhaltung, ein bisschen digitale Liebesbriefchen schreiben oder einfach bis zum nächsten Treffen den Kontakt halten. Was im anderen vorgeht, kann ich dabei nie genau wissen.

Alles, was ich habe, sind ihre oder seine Nachrichten. Ich fange an, nachzudenken: Habe ich etwas Falsches geschrieben? Was soll ich schreiben? Worauf könnte der andere anspringen?

 

Sie schreibt nicht zurück – Was soll ich schreiben?

Um Himmels Willen, nur das, was du wirklich meinst, denkst und fühlst.

Klingt wie eine Selbstverständlichkeit? Für mich nicht: Ich habe in solchen Situationen oft nur geschrieben, um eine Antwort zu bekommen.

Aber würde ich selber solche Nachrichten bekommen wollen, Aussagen, die eigentlich gar keine sind sondern nur darauf abzielen, dass ich etwas sage? Möchte ich nicht viel lieber eine ehrliche Botschaft, ein ehrliches Wort vom anderen bekommen?

Und möchte ich nicht auch selber am liebsten frei von der Leber schreiben, anstatt nur irgendwas, um eine Reaktion zu bekommen? Stattdessen: Warten… kommt etwas zurück? Nach ein paar Stunden folgt mein nächster Anlauf:

Die nächste belanglose Frage oder Mitteilung, die mich eigentlich gar nicht interessiert, aber vermeintlich eine Antwort verspricht.

Zwischenfrage: Warum sollte der andere eigentlich auf mich eingehen, wenn ich selber so wenig auf mich eingehe, was mich bewegt und was ich ehrlich meine?

„Sie schreibt mir nicht“: Stimmt nicht! Sie sagt mir, dass sie gerade nicht will oder kann

Du schreibst und schreibst und denkst, du bekommst keine Antwort. In Wirklichkeit hast du schon längst das, was du willst, nämlich eine unmissverständliche Rückmeldung: „Ich kann gerade nicht oder ich will gerade nicht antworten“.

Warum sollte ich von jemandem Zuwendung bekommen wollen, der gerade nicht will oder kann?

Wegen meines Bedürfnisses nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dass mir das die andere Person nicht geben kann, wird klar, wenn ich merke, dass die Zuneigung aus (Liebes-)Beziehungen nie wirklich genug ist, um mich dauerhaft gut zu fühlen.

Wie bei einer Droge, nach der ich süchtig bin, brauche ich immer mehr und mehr davon, immer wieder einen Schuss, der mir das Gefühl gibt: sie mag mich, er mag mich. Dann bin ich high vor Liebe und glücklich.

 Also: Ich habe meine Antwort bekommen. Er oder sie sagt mir mit seinem Schweigen, dass er oder sie gerade nicht kann oder nicht will. Das Problem ist also nicht das Verhalten des anderen. Es hat einfach nichts mit der anderen Person zu tun, dass ich unbedingt eine bestimmte Antwort möchte. Ich bin mit mir selbst unzufrieden. 

Mit wem willst du wirklich Kontakt haben? Mit der tatsächlichen Person, die gerade nicht schreibt oder nicht anruft, oder mit einer Person, die nur in deiner Fantasie existiert; die du dir vorstellst und dabei bestimmst, wie sie sein sollte, wie sie jetzt reagieren sollte; und die dir gefälligst Zuneigung schenken sollte, weil du sonst nicht glücklich sein kannst.

 

Ehrlich kommunizieren: Das Gegenteil von der Suche nach Bestätigung

Wenn sie oder er mir nicht antwortet, ist das eine ehrliche (wenn auch stumme) Antwort. Und Ehrlichkeit ist das, was ich bekommen und geben will.

Bin ich ehrlich, dann suche ich keine Reaktion, verstelle mich nicht, sondern bin ganz ich selbst. Weil ich dann wirklich das sage, was ich meine, und nicht bloß Feedback haben will. Das ist liebevoller Umgang mit mir und dem anderen. Zu sich selbst stehen und sich finden ist Liebe. Ich dachte, ich brauche dazu jemand anders, aber das stimmt nicht. Ich wertschätze damit automatisch, wer ich bin.

Geht es mir bloß um eine Reaktion, entferne ich mich von mir selbst und hoffe, die Liebe von jemand anders zu bekommen. Ich mache mir selbst gegenüber die Aussage: Ich bin nicht ok und brauche noch etwas. Um zu bekommen, was ich will, muss ich etwas tun und mich wenn nötig verstellen.

Wenn ich mit dem Ziel „gib mir Bestätigung“ auf jemanden zugehe, dann schreibe oder spreche auch ich nicht wirklich mit ihm. Weil ich nicht das auf den Punkt bringe, was mir wichtig ist und was ich wirklich meine, sondern nur eine positive Reaktion des anderen haben will. Ich verlange etwas von ihm, das ich selber nicht bereit bin zu geben. Ich schlüpfe gedanklich in seine Haut und überlege, was ich tun muss, um etwas von ihm zu bekommen.

So erkenne ich, dass mein Problem gar nichts mit dem anderen zu tun hat.

Ganz im Gegenteil: Von meinem Gesprächspartner bekomme ich oft viel mehr ehrliche Worte; spontan und ungefiltert.

Oder eben gar keine Antwort, was wie erwähnt auch sehr ehrlich ist. Ehrlicher, als sofort zu reagieren, nur um zu zeigen, wie wichtig mir die andere Person ist. Wie kann ich von jemand anders erwarten, dass er sich mit mir offen beschäftigt, während ich mich gar nicht wirklich mitteile und nur etwas von ihm will?

Ich verlange von ihm etwas, das ich mir selber verweigere: Denn wenn ich finde, ich bin bedürftig, ich brauche seine oder ihre Liebe, schreibe ich mir da im übertragenen Sinne selber gerne? Mag ich mich da? Würde ich mit diesem Wissen gerne mit mir selbst Kontakt haben? Nein. Ich bin dann wie ein Bettler, der dem anderen in die Taschen greift anstatt mit ihm etwas zu teilen; Spaß haben zu wollen.

Solange ich denke, dass ich die Bestätigung eines anderen brauche, bleibe ich unglücklich

Sie oder er schreibt mir nicht: Mag sein. Ich „schreibe mir selber“ aber genauso wenig; ich will nichts mit mir zu tun haben und mein Leben durch die Aufmerksamkeit der anderen Person aufwerten.

Klingt das zu hart, um wahr zu sein?

Dass das so ist, beweist die Tatsache, dass ich mit mir alleine – ohne die andere Person und ihre Aufmerksamkeit – gar nicht richtig zufrieden und erfüllt bin. Zumindest denke ich, dass ich den anderen für mein Glück brauche.

Das Ende der Sucht nach Aufmerksamkeit

Ich kann zufrieden damit sein, dass der andere mir nicht schreibt, wenn ich sehe, dass eine ausbleibende Antwort eine ehrliche wenn auch stumme Aussage ist. „Ich schreibe dir gerade nicht.“ „Ich möchte gerade nicht zurückrufen“. Dann verschwindet mein Argument, dass ich unzufrieden bin, weil der andere nicht mit mir spricht. Die Kommunikation fällt nur anders aus, als ich mir das vorstelle. Ich war bloß ein bisschen verwirrt.

Was ich für mein Glück tun kann:

Das auf den Punkt bringen, was ich wirklich meine und fühle. Und wenn es nur ein aufrichtiges „wie geht es dir?“ ist, statt eine vermeintlich beeindruckende Geschichte oder belanglose Statements, auf die der andere jetzt antworten soll. Ich möchte wissen, wie es dem anderen geht, ich möchte ihr oder ihm ein schönes Wochenende wünschen, was auch immer spontan aus mir heraus kommt.

Ich kann nur dann eine gute Unterhaltung mit jemanden beginnen, wenn ich wirklich das sage, was ich meine statt etwas, von dem ich mir etwas verspreche. Wenn das nämlich ausbleibt, werde ich unglücklich und leugne obendrein, wer ich wirklich bin und was in mir vor geht.

Wenn ich ehrlich kommuniziere, ist die Wahrscheinlichkeit außerdem höher, eine echte Beziehung mit jemandem aufbauen zu können – welcher Form auch immer.

Wenn ich wirklich und aufrichtig kommuniziere, ohne eine Erwartung dem anderen gegenüber, dann gebe ich hundert Prozent von mir. Dann sage ich etwas, das von Herzen kommt und echten Wert hat. Oder ich halte einfach mal die Klappe.

Und ich bin nicht traurig, wenn ich auf keine Erwiderung stoße, weil das ja sowieso nicht mein Ziel war. Wenn aber nur ein Funken Erwartung in dem steckt, was ich sage und mache, weiche ich von dem ab, was ich wirklich ausdrücken will und mache mich abhängig von der Reaktion des anderen.

Natürlich freut mich eine Nachricht von jemandem, der mir wichtig ist. Wenn ich aber denke, dass ich ohne diese Zuwendung nicht glücklich sein kann, dann bin ich dabei, eine Beziehung dafür zu missbrauchen, dass ich es mit mir selber aushalte. Das führt wie eingangs bereits beschrieben immer in eine abhängige Beziehung. Gefühle der Zurückweisung. Einsamkeit. Leere. Dabei suchen wir doch alle nur Liebe, und die ist da, wo die Ehrlichkeit ist – in mir. Und ich habe jederzeit Zugriff drauf.

Übung:

Ich sage nichts mehr, was ich nicht wirklich so meine. Ich gebe, was ich gerne gebe, dann steht es dem anderen frei, zu nehmen – oder nicht.

Ich bin nicht mehr ungerecht: Ich erwarte keine Aufmerksamkeit von anderen mehr, wenn ich mit mir selber nicht zufrieden bin; wenn ich mir selber nicht gerne schreiben würde.

Ob ich mit mir selbst etwas zu tun haben möchte, erkenne ich daran, ob ich auch ohne jemand anders zufrieden sein kann; wenn ich damit leben kann, scheinbar nichts zurückzubekommen. Wenn ich mit mir allein zufrieden sein kann, und eine Beziehung die Krönung meines Lebens ist, nicht die Voraussetzung des Glücks.

Titelbild: Jakob Lawitzki under cc (Changes were made)

Mein Vortrag für tiefes Selbstbewusstsein: „Selbst, bewusst und glücklich“:

  

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10 Kommentare
  1. NNY
    NNY sagte:

    Hi,

    ich bin überrascht, dass ich hier der erste Kommentator bin. Dein Video und dein Artikel hätten nämlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Ich kenne auch schon andere Videos zu dem Thema, die sich allesamt irgendwo gleichen; dein Ansatz habe ich so noch nicht gehört und er hört sich wirklich richtig an. Eigentlich weiß man das auch tief im Inneren, aber trotzdem braucht es manchmal jemanden, der es ausspricht. Mit dieser Herangehensweise kann man tatsächlich viel entspannter umgehen.

    Die einzige Frage, die ich mir stelle, ist, wie man es schafft, dass es umgekehrt läuft. Also, dass nicht ich es bin, der “die stille Antwort” bekommt, sondern sie.

    VG

    Antworten
    • Gidon Wagner
      Gidon Wagner sagte:

      Hallo!

      das freut mich!
      Wenn du diese Einsicht hast, ist das schön, und es ist deine Einsicht. Was dein Partner denkt und empfindet, wird immer seine / ihre Sache bleiben. Und woher weißt du, dass sie diese “stille Antwort” nicht schon längst bekommen hat? Jetzt, in diesem Moment? Aus meiner Erfahrung kommen solche Einsichten, wenn es an der Zeit dafür ist. Davor ist es noch zu früh.

      Wenn du den anderen nicht verletzen willst, kannst du für dich das Richtige tun. Aber wie deine Antwort (oder Nicht-Antwort) beim anderen ankommt, liegt einfach nur in seiner Macht. Für mich ist das eine Erkenntnis, die mir viel Last abnimmt.

      Liebe Grüße,
      Gidon

      Antworten
  2. Katrin
    Katrin sagte:

    Das war so wie beschrieben auch mein Problem über viele Jahre . Ich habe auch allmählich endlich erkannt was dahinter steckt , nämlich das was du hier schreibst . Ein Problem weniger 🙂

    Antworten
  3. Lotte
    Lotte sagte:

    Wow. Was mich schon so lange beschäftigt – und auch belastet – bringst Du hier gnadenlos auf den Punkt. Auch ich kommuniziere insbesondere mit einer Person nicht um der aufrichtigen Kommunikation Willen. Sondern weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass diese Person vielleicht gerade – oder auch ganz grundsätzlich – kein Bedürfnis danach hat. Also zwinge ich mich ihr auf. Besser als nix. Was eh schon traurig genug ist. Aber zu allem Überfluss bin ich dann auch noch fassungslos, wenn die erhoffte Reaktion ausbleibt. Und die Interpretationsspirale geht los – und dreht sich natürlich in die von mir gewünschte, immer falsche, aber dafür nicht ganz hoffnungslose Richtung. Erschreckende Abhängigkeit von einer Aufmerksamkeit, die es nur freiwillig geben kann.
    Tut gut, die eigenen, gerne verdrängten Gedanken mal schonungslos schwarz auf weiß vor sich zu sehen…

    Antworten
    • Gidon Wagner
      Gidon Wagner sagte:

      Schön 🙂 Ja, und wir müssen nicht für immer glauben, wir brauchen die Aufmerksamkeit. Ich kann immer sehen: Nein, ich brauche es nicht. Wenn ich genau hinsehe…

      Antworten
  4. Pegas
    Pegas sagte:

    Ein wirklich bemerkenswerter und treffender Beitrag der mich zum Nachdenken anregt weil ich im Moment etwas Ähnliches durchlebe. Ich dränge mich unbewusst einer Person auf, die mir wichtig ist, und merke überhaupt nicht wie sehr ich mein Gegenüber einschränke. Ich erwarte eine permanente Verfügbarkeit und bin gekränkt, wenn Nachrichten gelesen und nicht zeitnah beantwortet werden. Wenn tagelang eine Reaktion ausbleibt. Dabei habe ich doch eine, wenn auch unbefriedigende Antwort. Warum unbefriedigend? Weil die notwendige Bestätigung ausbleibt. Ich bringe mich in ein Abhängigkeitsverhältnis und mache mein Wohlbefinden von den Aktionen des Gegenübers abhängig. Würde man sich selber schreiben wollen? Nein. Ich bettle und verlange Aufmerksamkeit. Und das ist nicht in Ordnung. Man sollte sein Leben, wie du schon sagtest, nicht von etwas Externem beeinflussen lassen. Wer die entsprechende Sichtweise hat, lebt deutlich besser und strahlt das auch nach außen aus.

    Antworten
    • Gidon Wagner
      Gidon Wagner sagte:

      Hallo Pegas, danke für Deinen Beitrag. Du schreibst: „…Und das ist nicht in Ordnung“. Ich würde sagen, „…und das tut mir nicht gut“. Wer bestimmt, was in Ordnung ist? Du hast Deine Gründe. So wie ich damals. Wenn wir uns hier besser verstehen, sehen wir, dass wir nicht anders konnten. Und wenn wir dieses Spielchen ganz durchschauen, merken wir, dass wir die Aufmerksamkeit jetzt nicht mehr brauchen. Das Leiden, der Schmerz waren Alarmsignale, die uns darauf aufmerksam gemacht haben:

      „Hey, hey, hier passiert etwas, das dich verleugnet! Du denkst, du brauchst die Aufmerksamkeit, und das ist nicht wahr. Wach auf!

      Gute Nacht, Pegas

      Antworten

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