Warum setze ich mich so unter Druck? Mein Weg zum perfekten Zu-mir-selbst-Arschloch

Früher habe ich über Perfektionisten gelacht – wer ist denn bitte so blöd und knebelt sich, will alles perfekt machen? Reingefallen! Denn ich will sogar besser als Perfektionisten sein. Ich bin wie ein Junkie – ein Erfolgsjunkie. Und ich komme nur langsam runter.

Warum muss ich alles so perfekt, so richtig, so gut machen?

Das Meiste gelingt mir ziemlich gut – es gibt nicht viel, worüber ich mich beklage. Der Weg dorthin war steinig, felsig, bergig. Das Blöde: Ich bin nicht zufrieden damit. Es könnte besser sein. Auf dem Weg dorthin hätte ich immer nein gesagt, ich bin kein Perfektionist, ich bin einfach anspruchsvoll. Je weniger Probleme ich aber habe, desto unzufriedener werde ich. Weil ich merke, dass das alles mir nicht reicht. Der große Garten, die perfekte Familie, der perfekte Hund, das perfekte Auto. Es macht mich alles nicht glücklich, denn ich schaue nach vorn: Die eine Sache muss noch passieren. Die eine andere Sache muss ich noch verhindern. Die eine Sache fehlt noch.

Und ich habe gehört, fast jeder sucht noch nach dieser einen Sache. Perfektionismus ist also einerseits ganz normale Unzufriedenheit, andererseits ganz besonders große Sabotage an sich selbst. Wir Perfektionisten sind Meister darin, das Leben schlecht zureden, uns selbst hart ranzunehmen, den Jubel anderer, den Geldstrom, Fülle und Schönheit kurz als toll, dann als normal abzustempeln – jetzt muss es aber noch besser werden. Ich muss noch besser werden!

Wir Perfektionisten sind unsere größten Feinde. Wir treten uns selbst in den Arsch, jeden Tag machen wir das ein bisschen besser, ein bisschen brutaler. Ich frage mich immer seltener, was ich will, und immer öfter, was ich muss. Was ich alles muss, bricht täglich Rekorde im Wett-Müssen.

Ich muss erfolgreicher werden, ich muss besser schlafen, ich muss gesünder essen, ich muss mich mehr erholen, ich muss mehr meditieren – soll ich weiter machen? Ich muss mich mehr um meinen Sohn, Freundin, Mutter, Schwester, Hund, Fußpflege, persönliche Weiterentwicklung, Autosaubermachen, Geldwenigerausgeben, Allefünfminutennichtsmachen kümmern, und vor allem muss ich noch diesen Text fertig schreiben und danach E-Mails beantworten und die Terrasse und die Werkstatt sauber machen!

Schluss mit Müssen!

Ich muss aufhören, zu müssen! Äh. In diesem Teufelskreis stecke ich vermutlich nicht allein. Abends kann ich ein bisschen über das Buch Sean Brummel: Einen Scheiß muss ich von Tommy Jaud lachen. Ein paar Tage später ist alles vergessen. Das einzige Mittel meines Körpers gegen diesen perfekten Wahnsinn ist der gute alte Schlafentzug. Nachts wach dazuliegen hat mich nun schon drei, vier Male dazu gebracht, ernsthaft über mein Leben nachzudenken und infrage zu stellen, was mich täglich an den Rand der Erschöpfung treibt und mich nachts nicht schlafen lässt.

Alles im Griff haben zu wollen. Keine Lebens-, sondern eine Sterbensaufgabe.

Wie der Perfektionismus kam und wieder geht

Wie wurde ich zum perfekten Zu-mir-selbst-Arschloch? Vor allem durch alte Geschichten und meine Rolle, die ich als Kind eingenommen habe. Als ich anfing, mich für alles und jeden verantwortlich zu fühlen, weil ich das Gejammer meiner Eltern nicht mehr hören konnte. Ich musste etwas tun – und wenn es nur war, nachts die Gastherme auf Explosionsgefahr zu überprüfen. Zwänge stellten sich ein. Ich wusch meine Hände 10 Minuten lang in Seife, statt in Unschuld (und bekam trotzdem Erkältungen).

Ich fühlte mich schuldig, verantwortlich. Und das Schlimmste: Ich fühlte mich dazu in der Lage, an der Situation meiner Eltern etwas zu ändern. Von Geldsorgen bis Ehekrach, alles schrieb ich mir auf meinen unsichtbaren Therapeutenblock und begann mit der Diagnose. Natürlich wurde ich dabei mir selbst gegenüber auch immer wachsamer und kritischer.

Bis ich zu einem jungen Erwachsenen geworden war, der nachts Türen kontrolliert, an schwachen Tagen Angst hat, seinen Namen falsch zu schreiben und für den es unter dem Milliardär keinen vorstellbaren guten Seinszustand mehr gibt.

Aber das ist alles nicht von Dauer, weiß ich. Denn so wie ich als Kind meinen Verstand beauftragt habe, zum Problemlöser Nummer eins of the Youniverse zu werden, kann ich ihm diesen Job wieder nehmen. Durch Überzeugungsarbeit. Ich muss gar nichts, außer für mich zu sorgen, sonst tut es nämlich auch kein anderer. Immer besser, immer erfolgreicher, immer perfekter werden zu wollen, ist die Anleitung zum Selbstmord auf Raten. Meine und deine kindlichen Motive hinter all dem Müssen und Wollen aufzuschreiben und zu verstehen; das ist der Schlüssel raus aus der Perfektionismus-Hölle.

Und ja, ich bin Journalist und Autor. Trotzdem – wer Fehler in diesem Text findet, darf sie behalten.

aojnfsdojn3^1! 🙂

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