Es ist gemütlich, von Werten zu reden. Man kann sich selbst loben, wenn man denkt, dass man die richtigen hat. Man kann zusammen am warmen Kamin sitzen und sich streicheln: haben wir gute Werte! Diskutieren mit anderen: Denkst du noch richtig? Wie gut bist du? Bist du schlecht? Denkst du richtig?

Und währenddessen liegen vor der Tür die Leute auf der Straße, heimatlos gemacht von genau der Gesellschaft, die laut schreit, wie gut sie ist. Ja, wir sind die Werte-Hochburg. Wir sind die Werte-Polizei! Wir sind so liebevoll!

Besonders liebevoll sind wir zu denen, die am wenigsten haben. Die würden wir am liebsten knuddeln. Oder die, die irgendwo auf der Welt verhungern oder absaufen.
Kommt in unsere Mitte (wenn Ihr eine Aufenthaltsgenehmigung habt)! Hier kommt unser Segen aus der Ferne: Seid gute Menschen! Hier kommt unsere Hilfslieferung (wenn wir genug Spenden eintreiben können). Ein paar Decken und Essen, ne Schule. Macht was draus!

Und Ihr anderen, Ihr Mächtigen, Ihr solltet Euch an uns ein Beispiel nehmen. Ihr solltet auch so tolle Werte haben, wie wir. Damit die Welt gedeihen und die Marktwirtschaft ihre wahre Güte entfalten kann! Seid endlich gut! Damit Konkurrenzverlierer weltweit ein bisschen mehr als zu wenig haben. Wir, die Werte-Polizei, wir müssen unsere Verantwortung in der Welt wahrnehmen – ob sie will, oder nicht.

Wer Werte verlangt, gesteht sich ein, dass er in einer verkommenen Welt lebt. Je edler die Werte, desto verkommener die Welt. Warum muss man einen Wert wie „Nächstenliebe“ haben? Weil die Regel ihre Abwesenheit ist. Weil sie nicht vorgesehen ist, sondern erst herbei-gewertet werden muss. Weil „für einander da sein“, „Liebe“ und „gegenseitige Wertschätzung“ eben nicht die Regel sind. Warum muss „Großzügigkeit“ als Wert vorhanden sein? Weil in dieser Gesellschaft genau das Gegenteil die Norm ist. Und das ist kein Zufall. Sonst könnten Werte ja ab und zu mal Urlaub machen und alles liefe ganz von selbst in die richtige Richtung.

Und selbst wenn alle 80 Millionen Menschen in Deutschland nach dem Wert „Brüderlichkeit“ schreien würden, wäre das immernoch ein Beweis dafür, dass sie in einem System leben, dass das Gegenteil verkörpert. Und wenn alle 8 Milliarden danach riefen, würden sie noch immer gegenseitig ihren Dreck fressen, während sie ein paar wenige mit ihrer Arbeit bereichern und sich gegenseitig auf die eine oder andere Art unglücklich machen.

Warum Werte wertlos sind

Werte tauchen in dieser Welt als Forderungen auf, nicht als Gesetze. Gesetze sind das, was man nicht brechen darf, sonst kommt die Polizei oder das Militär. Werte sind das, was man fordern und mit Füßen treten darf. Aus ihnen folgt nichts, außer eine Forderung.

Und wer sich das eingesteht, dass Werte nichts Wert sind, der ist erstmal nicht weiter gekommen als davon abzulassen, etwas zu fordern, während in der Welt etwas anderes verordnet ist.

Erst dann wird es vielleicht ungemütlich. Der Kamin ist aus, da bin nur noch ich und meine Gedanken. Ich schaue auf mich selbst. Wenn ich beginne, zu hinterfragen, dann wird mein Weihnachten ungemütlich und aufrichtig. In was für einer Welt bin ich hier gelandet? Wenn ich keine Werte mehr habe, dann fordere ich nichts mehr von anderen. Dann bleibe nur ich selbst. Ich merke, ich trage Verantwortung. Nicht Schuld. Sondern Macht. Was für eine Welt erschaffe ich? Was für eine Welt will ich morgen machen? Nicht die anderen. Ich. Mit den anderen.

Dafür braucht es keine Werte, sondern ein Hinterfragen dessen, was ich mit meinen Werten entschuldigen, ausgleichen, beschönigen wollte. Um eine Welt zu machen, die weniger gemein ist, braucht es ein Aufhören mit dem, was ich gestern gemacht und gedacht habe und ein Beginnen mit etwas Neuem. Vielleicht brauche ich auch ein Ende meiner Untätigkeit. Ich muss etwas Produktives tun. Etwas, das mich und andere in die Lage versetzt, eine neue Welt zu erschaffen. Ich werde vom Verbraucher zum Gebraucher meines Verstands und meiner Kraft. Ich kann mir selbst und anderen helfen, ohne einen einzigen scheiß Wert im Schädel.

Scheiß auf Werte!
Vielleicht nicht auf die Blutwerte.
Aber auf alle anderen.

Welche Werte sind für mich wichtig? Kein einziger!

Bild: Shanon

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