Am liebsten würde ich meine Geschichte vergessen – was habe ich nicht alles falsch gemacht, verpasst, verpatzt! Aber die Geschichte holt mich immer ein, und Zeit heilt keine Wunden. Vor allem, wenn ich allein bin, spüre ich Unruhe oder Schlimmeres in mir. Der einzige Ausweg: Mir selbst verzeihen. Dann kann ich in Ruhe ich sein. Aber wie geht das?

Schuld überwinden, indem ich nicht mehr davor weglaufe

Egal, wie gut mein Tag war, da ist dieser Schatten. Er wischt das Lächeln aus meinem Gesicht, wenn ich zur Tür reinkomme. Er bringt mich auf den Ground Zero meines Selbstwertgefühls, nach einem erfolgreichen Tag. Ich bin mit mir allein, und da ist auch noch dieses Gefühl; dieses Grauen. Das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist; dass ich mich nicht entspannen kann, darf. Ich liege auf der Couch, aber eigentlich kauere ich, ich winde mich vor Schmerzen. Was stimmt nicht?

Schuld ist immer da, bis ich sie durchschaue

Ich halte den Fernseher an und spüre, warte ab. Wohin führen mich meine Gedanken? Sie führen mich in meine Kindheit, in mein Kinderzimmer, in einen Moment voller Verachtung meiner selbst. In ein Gefühl, das sagt, „Mit mir stimmt etwas nicht“. Ich schäme mich vor mir selbst; ich bin wieder ein Kind, das sich für die Doktor-Spiele mit seinem Bruder schämt, für seine Sexualität, die sich soeben entwickelt. Dieses Kind findet sich abartig. Es hasst sich. Und es ist immer noch da, heute, wenn ich als erwachsener Mann meine Wohnung betrete und allein bin.

Selbst nach vollbrachter Tat, selbst dann, wenn ich besonders Stolz auf mich sein könnte. Selbst dann, wenn ich gerade aus einem tollen, erfüllten Tag komme, wartet das Gefühl auf mich.

Mich abzulenken verlängert mein Leiden

In meinem Wohnzimmer hängt bunte Dekoration für Silvester, sie bewegt sich friedlich in der warmen Luft, die von der Heizung nach oben wandert. Aber ich sehe nur Dunkelheit. In mir ist nur Unruhe. Ich schaffe es kaum, den Film zu pausieren, und ich erinnere mich, wie ich mich als Kind mit Radios und Geräten umgeben habe, mit Taschenlampen gespielt habe, immer etwas gesucht habe, um mich von meinen Gefühlen abzulenken.

Sie kommen immer wieder.

Wie lerne ich, mir zu verzeihen?

1. Indem ich erstens verstehe, was in mir vorgeht. Oder was in mir vorging in der Situation, die mich verfolgt. Was sagt die Verzweiflung, die Wut, die Angst in mir? Was schreit sie mit aller Kraft heraus und ich höre nicht zu? Ich muss lernen zuzuhören, wenn ich mir verzeihen will.

In mir schreit es: Mit dir stimmt etwas nicht, Gidon!

Und ich bin dankbar für diesen ersten Schritt. Dafür, zu wissen, was da gerade in mir arbeitet. Denn mit diesem Ausruf kann ich etwas anfangen.

2. Indem ich mich zweitens frage:

Ist das wirklich wahr? In meinem Fall: Ist es wirklich wahr, dass mit mir etwas nicht stimmt?

Ich reise wieder in die Vergangenheit. Und ich merke, dass ich eine Jahrzehnte-alte Geschichte glaube, die auf morschen Beinen steht. Niemand weiß, wie ein 11-Jähriger sein soll. Er selbst denkt, es zu wissen, weil er die Welt beobachtet und darin einen Platz finden will. Und so übernimmt er die Vorurteile, die Dummheiten, die Grobheiten seiner Eltern, seiner Umwelt.

Aus kleinen Bemerkungen macht er seine persönliche Religion. Fast jeder hat so eine Religion. Aus Fernsehsendungen lernt er, ein guter Mensch zu sein. Aus den Sorgen anderer macht er seine eigenen Sorgen. Er lernt, wann er sich lieben darf, und wann er sich hassen muss.

Aber Hass ist wie Gift. Ich kann zufrieden sein, glücklich, reich beschenkt vom Leben – wenn da nur in einer hintersten Ecke meines Herzens Hass ist; in der letzten Windung meines Hirns Ablehnung steckt, habe ich verloren. Egal, wie oft ich gewinne.

Ich bin arm, egal wie viel ich habe. Ich bin allein, egal wie viele Menschen mich lieben. Und ich kann mich nicht lieben.

Deswegen mache ich durch die traurigen, ängstlichen, verwirrenden Geschichten meiner Vergangenheit einen Strich. Indem ich sie neu erzähle. Indem ich nun genau hinsehe und erkenne, dass ich anders wäre, wenn ich anders sein sollte.

Es gibt nichts zu vergeben

Wenn wir uns selbst verurteilen, helfen wir weder uns, noch anderen. Wenn wir unsere Urteile aufheben, werden wir zu dem Mensch, der wir sein wollen.

Es gibt nichts zu vergeben. Es gibt nur etwas zu verlernen. Es gibt den Hass auf mich selbst zu verlernen, indem ich meine Religion als Religion erkenne. Als Glaube. Hier geht es aber um Wissenschaft; das Wissen, was wirklich stimmt. Und das können kaum die verwirrten Urteile verängstigter Kinder sein, die wir irgendwo fast alle sind.

Wenn ich anders sein sollte, wäre ich anders – Punkt! Und alles andere ist eine traurige Geschichte, durch die ich einen Strich mache, indem ich sie als Geschichte erkenne. Geschichten über Geschichten über Geschichten. Lügen! Die Wahrheit ist: nichts mehr sagen. Da sein. Fühlen. Tun, was ich liebe. Und mich lieben, ganz ohne Grund. Weil ich bin.

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Wer schreibt hier?

Gidon Wagner
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Hi, ich bin Gidon – Journalist und Buchautor. Ich beschäftige mich nun seit über 10 Jahren damit, was Menschen glücklich macht und teile hier meine Erfahrungen.

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