Übung: Morgenseiten schreiben

Wer wenig Selbstbewusstsein hat, lebt oft unbewusst, gesteuert von seinen Emotionen und unterschwelligen Überzeugungen über sich, andere und die Welt. Wenn du dein Selbstbewusstsein finden und stärken möchtest, solltest du also dein Bewusstsein dafür stärken, was in dir vorgeht. Dann lebst du immer bewusster.

Verunsichernde und deprimierende Gedanken verlangsamen sich und du bringst Ordnung in deinen Kopf. Eine sehr gute Methode dafür ist das Schreiben von Morgenseiten. Dieses Morgenritual hilft dir auch dabei, mit schwierigen Situationen umzugehen, Lösungen für Probleme zu finden und dich selber besser zu verstehen.

Morgenseiten heißen so, weil du sie gleich am Morgen nach dem Aufstehen schreibst. Am besten noch im Bett und bevor du etwas anderes tust, beginnst du mit deinen Aufzeichnungen. Du schreibst dabei drei DIN A4-Seiten lang, ohne den Stift abzusetzen. Dabei kommt es nicht auf die Rechtschreibung, Zeichensetzung oder richtige Formulierungen an, sondern darauf, den Fluss des Schreibens nicht abreißen zu lassen. Dadurch bringst du immer genauer das zu Papier, was in dir in diesem Moment vorgeht – was dir normalerweise zu einem großen Teil verborgen bleibt. 

Hintergrund: Pro Minute gehen dir rund 50 Gedanken durch den Kopf. Nur einen Bruchteil davon bekommst du mit. Je bewusster du deine Gedanken wahrnimmst, desto weniger hektisch geht es in deinem Kopf zu, weil du konzentrierter bist.

Ausrüstung für Morgenseiten: Ein guter Stift und genug Papier

Für deine Morgenseiten brauchst du nur Stift und Papier. Damit dir das Schreiben möglichst einfach fällt, solltest du einen Stift verwenden, mit dem du nicht fest aufdrücken musst und der ganz leicht über das Papier gleitet. Dazu einen Spiralblock oder ein Notizbuch, dessen Seiten sich einfach umklappen lassen. Am besten schreibst du per Hand, auch wenn dir das Tippen auf Smartphone oder Computer einfacher fällt. Zwischen Kopf und Hand gibt es eine spezielle Verbindung, die das Schreiben effektiver macht. Theoretisch kannst du aber deine Aufzeichnungen auch digital machen.

15-20 Minuten pro Tag reichen

Mit etwas Übung bringst du die drei Seiten in 15-20 Minuten zu Papier. Lass dich nicht dazu verlocken, schon nach einer Seite aufzuhören. Du wirst überrascht sein, was alles aus dir heraussprudelt, wenn du mit dem Schreiben nicht aufhörst.

Weiterschreiben ist das Geheimnis!

Am Anfang wird es für dich ungewohnt sein, ununterbrochen zu schreiben, auch wenn dir gerade nichts Bestimmtes durch den Kopf geht. Die Übung funktioniert aber am besten, wenn du ununterbrochen schreibst und jeden Gedanken zu Papier bringst. Denke nicht über das nächste Thema nach, sondern schreibe, was dir gerade durch den Kopf geht, egal was es ist: „Vor dem Haus fährt ein Auto vorbei“; „Mir fällt gerade nichts ein“, „Diese Übung ist ganz schön bescheuert“ – schreib alles auf, auch wenn dein Kopf scheinbar nur Unsinn ausspuckt. Das nächste Thema bahnt sich bald an und kommt zum Vorschein, wenn du den Stift nicht absetzt. Wenn du hingegen nachdenkst, was du als nächstes schreiben sollst, verpasst du vielleicht ein wichtiges Thema. Sinn der Übung ist, dein inneres Programm aufzuzeichnen, als würdest du eine Radiosendung mitschneiden. 

Warum soll ich morgens schreiben?

Wie im Videoteil dieses Kurses erwähnt, kannst du mit dem Aufschreiben von Gedanken zu jeder Tageszeit beginnen. Weil sich morgens aber das Gedankenkarussell gerade erst zu drehen beginnt, fällt es vielen Menschen morgens leichter, ihre Gedanken zu Tage zu fördern. Morgens hat man außerdem einen klareren Kopf: Wenn du nach Lösungen für bestimmte Probleme suchst oder Antworten auf deine Fragen finden möchtest, profitierst du morgens von mehr Kreativität.

Was mache ich mit meinen Aufzeichnungen?

Sinn der Übung ist, deine Gedanken festzuhalten, überblicken zu können und mehr Klarheit zu finden – und vielleicht auf kreative Lösungen und Ideen zu kommen. Du brauchst deine Aufzeichnungen im Grunde also gar nicht noch einmal lesen. Trotzdem kann es dir helfen, deine Aufzeichnungen – zum Beispiel nach ein paar Tagen – noch einmal zur Hand zu nehmen. Dadurch lernst du dich selber besser kennen, manchmal wirst du auch lachen über das, was du vor drei Tagen oder Wochen geschrieben hast. Zum Beispiel, weil du siehst, dass sich Befürchtungen (wie fast immer) nicht bestätigt haben, oder weil ein Problem von früher heute überhaupt keine Rolle mehr für dich spielt.

Nachträglich kannst du auch Überzeugungen finden, die du vielleicht genauer ansehen und prüfen möchtest, ob sie wirklich wahr für dich sind. Das machst du am besten mit der Technik The Work von Byron Katie.

Der Unterschied zum Tagebuch: Morgenseiten als inneren Kompass und Ratgeber nutzen

Beim Schreiben von Morgenseiten beschäftigst du dich nicht nur mit dem Erlebten, sondern auch mit der vermeintlichen Zukunft und allem, was in dir gerade jetzt vorgeht. Es dient weniger der Dokumentation, vielmehr der bewussten Arbeit mit deinem inneren.

Zum Beispiel kannst du dir am Vorabend eine Frage zu einer Aufgabe, einem Projekt oder einem bestimmten Problem stellen, für die du eine Antwort suchst. 

Zum Beispiel, weil ein unangenehmes oder wichtiges Gespräch mit deinem Chef ansteht und du das Richtige sagen oder tun willst. Oder weil du überlegst, umzuziehen und dir bei der Entscheidung unsicher bist. Oder weil du mit deinem Alltag oder einer bestimmten Aufgabe unzufrieden bist und dich fragst, was du verändern kannst.

Nachts arbeitet das Unterbewusstsein an dieser Frage weiter. Morgens wiederholst du diese Frage und schreibst vielleicht eine inspirierende Antworte darauf auf. Ansonsten schreibst du natürlich auch auf, was du erhoffst oder was du befürchtest und alles andere, das dir zum Thema durch den Kopf geht. Und du kommst vielleicht gleich darauf, was für dich eine gute Lösung sein kann, wenn das Befürchtete wirklich eintritt. Oder du merkst, was hinter deiner Befürchtung oder deinem Ärger über bestimmte Dinge steckt – du kommst darauf, was dir wirklich wichtig ist und was dich aus der Ruhe bringt. 

Besonders aufgeladene Gedanken, die in dir starke Emotionen hervorrufen, kannst du dabei auch unterstreichen oder größer schreiben als die anderen.

Im Prinzip weiß jeder selbst, was für ihn am wichtigsten und richtig ist. Aber es ist verborgen und begraben unter tausenden anderen Gedanken, Befürchtungen und Urteilen, die davon ablenken. Morgenseiten helfen dir dabei, mehr Klarheit und deine eigenen Antworten zu finden. Du bekommst dabei Zugriff auf Wissen, das in deinem Unterbewusstsein schlummert.

Das innere Team in dir sprechen lassen

Wenn wir mit einer kniffligen Situation zu tun haben, sprechen in uns meistens mehrere Stimmen. Zum Beispiel die Stimme der Angst, aber auch die Stimme der Zuversicht, der Lust, der Neugierde, usw. Mit Morgenseiten kannst du Klarheit in das Durcheinander deines Inneren bringen und daraus wertvolle Unterstützung für dich gewinnen. Wer sich zum Beispiel beruflich verändern möchte, hat vielleicht mit Sorgen über die Zukunft zu tun. Wir neigen dazu, uns diesen Sorgen hinzugeben und nur noch die Probleme zu sehen. Beim Schreiben von Morgenseiten kannst du aber genauer hinhören, welche Stimmen außer der Angst es sonst noch in dir gibt und einen Beitrag zur inneren Diskussion leisten möchten. Das kann die Stimme der Zuversicht sein, des mutigen, der Neugierde, der Kreativität, des Finanzplaners…

Indem du aufschreibst, was diese verschiedenen Stimmen zu deiner aktuellen Situation zu sagen haben und wie sie das Problem beheben würden, bekommst du ein viel klareres Bild deiner Lage und wertvolle Impulse zur Bewältigung deiner Lebenssituation. Dadurch gewinnt die Stimme der Angst nicht die Oberhand und du kannst dich kreativ in deinem Leben auswirken.

Zusammengefasst:

Beginne gleich nach dem Aufwachen mit dem Schreiben

Schreibe drei volle DIN A4-Seiten

Lass deine Aufzeichnungen fließen, setze den Stift nicht ab

Schreib alles auf, was kommt, ohne deine Gedanken verändern zu wollen oder zu beurteilen 

  • Durch Morgenseiten gewinnst du Klarheit und bringst Ordnung in deine Gedanken – und damit Frieden in deine Gefühlswelt.
  • Du siehst Probleme mit der Zeit anders und kommst auf Lösungen, die dir dein Unterbewusstsein präsentiert. 
  • Du machst dir bewusst, was in dir gerade vorgeht und bist dem Gedankenkarussell immer weniger ausgeliefert. Indem du deine Gedanken aufschreibst, spuken sie nicht mehr ungebremst durch deinen Kopf. Wenn wir Gedanken zu Papier bringen, schärfen wir unseren Fokus darauf. Gleichzeitig kommen sie zum Stehen und es tut sich Platz für Neues auf, etwa für kreative Ideen oder angenehme Gedanken. 
  • Du erkennst, dass deine Gedanken nur Ideen sind, nicht die absolute Wahrheit, sondern eine Interpretation deines Lebens und der Realität. Lösungen sind dadurch oft zum Greifen nah und Verzweiflung weicht Sicherheit.
  • Mit etwas Übung kannst du mit der Zeit auch über Gedanken lächeln, die dich früher aus der Ruhe gebracht hätten – als würdest du geduldig und fürsorglich einem verängstigten Kind zuhören, das du tröstest.
  • Du lernst dich so auch selbst besser kennen und kannst dein Leben selbstbewusster und mit mehr Sicherheit gestalten. 
  • Je klarer du wirst, desto einfacher schaffst du es auch, mit deiner Aufmerksamkeit im “Hier und Jetzt” zu sein – und dadurch in einem Zustand der inneren Ruhe zu leben, in dem Befürchtungen und Anspannung wegen Vergangenheit und Zukunft immer weniger Gewicht haben.

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