Ich erledige gerne fünf Sachen gleichzeitig. Zum Beispiel zu Hause: mir reicht es nicht, die Teller aus dem Geschirrspüler ins Wohnzimmer zu tragen. Am liebsten würde ich die ganze Maschine packen, klirrend und klappernd durch den Flur hieven und vor meiner Vitrine wieder abstellen. Ich spare mir drei Gänge, ungefähr 50 Meter Strecke, während ich akrobatisch alle Teller, Tassen, Besteck und noch ein paar Gläser aus der Küche ins Wohnzimmer balanciere. Was gewinne ich dadurch? Nichts!

Ich will die Dinge eben schnell erledigt haben, um dann… ja, um was eigentlich? Ich weiß es nicht. Danach kommt eben die nächste Sache, und die will auch schnell erledigt sein. Danach die nächste. Und dann?

Eile als Grundeinstellung ist das Problem, wenn Gelassenheit in Job und Alltag fehlen

So sitze ich auch oft im Büro; eigentlich macht mir meine Arbeit Spaß. Eigentlich! Denn wenn ich erst mal so richtig effizient werde, eins nach dem anderen tue und zwar im Takt eines Maschinengewehrs, bin ich nach vier, fünf Stunden nur noch ein Haufen Matsch in einem Stuhl.

Nichts sonst bleibt von mir übrig. In meinem Kopf: Leere. Aber eine unangenehme Leere, eine Leere, die nach getragenen Socken riecht.

Ich war schnell, ich habe viel geschafft. Das war’s dann aber auch. Wofür das Ganze? Ein weiterer Tag ist rum und ich kann zu Hause nach einer Fertigpizza ins Koma fallen. Danke, Leben!

Selbst schuld – selbst frei!

Hätte ich einen Chef, würde der sich freuen. Er würde sich aufhören zu freuen, wenn es mir wieder ging wie vor ein paar Jahren – und ich für einige Monate nicht mehr still sitzen kann, geschweige denn in einem Büro, an einem Schreibtisch, während um mich herum Leute telefonieren.

Weil ich keinen klaren Gedanken fassen kann und nur noch rennen will. Weil ich mich so fühle, als hätte ich drei Jahre lang durchgemacht und danach eine Tanklaster-Ladung Kaffee getrunken.

Ich war mein eigener Sklaventreiber

Nun, ich habe keinen Chef. Ich selbst trieb mich zur Arbeit. Und zwar immer schlimmer, je mehr ich verdiente.

Ich merke erst heute, was für ein Genuss es ist, und dass ich zufriedener bin, wenn ich drei, vier Teller nehme und aus der Küche ins Wohnzimmer trage. Wenn ich danach das Besteck nehme, vielleicht ein, zwei Tassen. Ein paar Gläser. Und noch ein paar.

Ich bin kein bisschen weniger zufrieden. Mir fehlt nichts. Die Zeit geht mir nicht verloren. Im Gegenteil, ich nehme mir Zeit! Ich fülle die Zeit mit etwas Schönem.

Mit ein paar entspannten Gängen zwischen Geschirrspüler und Vitrine, hin und her, von der einen Seite meiner Wohnung zur anderen (und das sind nur ein paar Meter).

Schnell sein, effizient sein, macht nicht glücklich

Im Job geht es auch nicht darum, glücklich zu sein, höre ich jemanden sagen. Das stimmt. Deinem Chef geht es darum, dass die Arbeit in einer angemessenen Zeit erledigt wird. So wie mir (ich bin mein eigener Chef).

Ich möchte zum Beispiel nicht Tage für diesen Artikel brauchen. Ich will, dass er von vielen Menschen gelesen wird, die dann darüber nachdenken, mein Buch zu kaufen.

Ich habe ein Ziel. Anders als früher, ist es aber nur ein Ziel. Ich freue mich, wenn ich fertig bin, zu Papier gebracht habe, was ich sagen will. Das ist schön.

Aber der innere Antreiber fehlt, der früher schon drei, vier Schritte vorausgedacht hätte. Der schon Autogramm-Termine vereinbaren will, während die erste Seite des Buchs noch nicht mal geschrieben ist.

Der innere Antreiber ist weg

Ich schreibe diese Wörter gerade und tue oder denke dabei nichts anderes. Der Cursor blinkt. Es kommt wieder etwas, ich schreibe es auf. Es ist Ruhe eingekehrt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Das habe ich nur geschafft, indem ich die Argumente meines inneren Antreibers aufgeschrieben und anschließend genau angesehen und überprüft habe.

  • Stimmt es wirklich, dass ich schnell fertig werden muss?
  • Wird wirklich XY passieren, wenn ich nicht…?
  • Kann ich 100-prozentig sicher sein, dass ich zu wenig Zeit habe? Vielleicht bin ich ja viel effizienter und schneller, als ich erwarte?

Da fällt mir das 80-20-Prinzip ein (Paretoprinzip), das besagt, dass die meisten Menschen 80 Prozent der Arbeit in 20 Prozent der Zeit schaffen…

Der innere Antreiber ist viel schlimmer als jeder Chef. Schlimmer als jede Vorgabe. Der innere Antreiber faucht dich an:

Du bist zu langsam. Du hast keine Zeit. Hör auf zu trödeln. Wenn du erst mal fertig bist, wird es dir besser gehen. Du musst fertig werden!

So gehen wir den ersten Schritt und stellen uns dabei schon den letzten vor – irgendwie stolpern wir dann in Richtung Ziel.

Das ist kein Leben. Mag sein, dass unsere Wirtschaft so funktioniert. Mag sein, dass ein Mensch immer mehr leisten muss.

Aber schauen wir uns diese Wirtschaft einen Moment an und das, was sie weltweit fabriziert; wäre es schade um sie, wenn ein paar faule Menschen sie ändern würden? Verbreitet sie Wohlstand? Oder verbreitet sie Hektik und ständiges Getriebensein?

Wachstum muss her!

Wachstum wohin?

Wie wir JETZT in unseren Jobs mit uns umgehen, ist unsere Sache.

„Mein Chef erwartet zu viel“

Kann sein, dass er zu viel erwartet, weil du nicht leisten kannst, was er verlangt. Wo ist das Problem? Das Problem liegt doch darin, dass du seine Erwartungen unbedingt erfüllen willst.

Wenn du nicht schnell genug, nicht gründlich genug, nicht genial genug bist, dann wirst du diesen Job sowieso verlieren. Warum quälen?

Ganz einfach: Weil wir niemanden enttäuschen wollen, weil wir nach Anerkennung suchen. Weil wir auf uns selbst stolz sein wollen.

Eine einfache Übung dazu:

Nimm dir eine halbe Stunde Zeit und ziehe dich an einen Ort zurück, wo du deine Ruhe hast. Vervollständige dann folgenden Satz:

Wenn ich nicht schaffe, was mein Chef/Kunde/Gegenüber von mir verlangt, wird … passieren.

Fülle die … aus (mache eine Liste, wenn wir mehrere Punkte einfallen) und stelle dir dann für jeden Punkt die Frage:

Kann ich absolut sicher sein, dass das so passieren wird?

Wenn du dir absolut sicher sein kannst, dann beglückwünsche ich dich: Du hast hellseherische Fähigkeiten!

Eine spannende Frage ist auch:

Was würde danach passieren? Was wäre die Folge, wenn eintritt, was ich befürchte?

Wieder: Kann ich sicher sein, dass das wahr ist?

Beispiel:

Wenn ich den Bericht nicht bis 13 Uhr fertig bekomme, wird mein Chef mich vor versammelter Mannschaft zur Schnecke machen

Frage: Wo wäre das Problem dabei? Was wäre so schlimm daran?

Antwort: Ich würde blöd dastehen vor den anderen.

Und dann?

Antwort: Sie würden mich für einen Versager halten.

Sie halten mich für einen Versager, wenn mein Chef mich vor versammelter Mannschaft zur Schnecke macht – kann ich da ganz sicher sein?

Nein! Ich kann nicht in die Köpfe der anderen reinschauen. Vielleicht halten sie meinen Chef für einen Trottel und stehen hinter mir – nur aus Furcht vor seiner Reaktion zeigt das niemand.

Und was wäre so schlimm daran? Wäre nicht viel schlimmer daran, dass ich mich selbst für einen Loser halte, wenn ich ES nicht schaffe?

 Ich halte mich für einen Versager. Ich denke, ich kann ES nicht richtig machen. Das ist die Wahrheit. Und deswegen hoffe ich, dass mir jemand anders das Gegenteil beweist – anstatt mir selbst das Gegenteil zu beweisen! 

Warum stresse ich mich so?

Ich habe gelernt, dass ich fleißig sein soll und wenn ich fleißig bin, dann kann ich stolz auf mich sein.

Wenn ich viel geschafft habe, kann ich stolz auf mich sein. Warum soll ich eigentlich nicht stolz auf mich sein können, wenn ich wenig geschafft habe?

 Warum muss ich überhaupt stolz auf mich sein? Wenn es einen Grund gäbe, stolz auf mich zu sein, dann, weil ich etwas getan habe, das mir wirklich etwas bedeutet. Und dann brauche ich auch den Stolz nicht mehr.  

Wenn ich etwas Schönes vollbracht habe, wenn ich Menschen einen großen Dienst erwiesen habe. Wenn ich die Welt besser gemacht habe. Wenn ich für mich selbst da war.

Wir tun stattdessen nur unwichtige Dinge, an denen uns nicht wirklich etwas liegt. Und wichtige Dinge tun wir, als wären sie nur eins von vielen. Nie lasse ich mich ganz auf diese eine Sache ein, die mir jetzt am Herzen liegt. Immer bin ich in Gedanken schon bei der nächsten verdammten Aufgabe. Der Gegner: Die Zeit. Anstatt ein Freund, ohne den wir nicht existieren würden.

Was denken wir nicht alles über die Zeit. Wir müssen uns beeilen, ich habe keine Zeit, ich habe mein ganzes Leben lang keine Zeit, nie habe ich Zeit! Irgendwann (in einiger Zeit) wird der Tag kommen, da habe ich Zeit, da habe ich Ruhe. Aber jetzt, hier, da habe ich keine Zeit, ich muss mich beeilen! Schnell noch…

Was für ein Mensch wärst du, wenn du deine Arbeit tun würdest, die Spülmaschine ausräumen würdest, und dabei kein bisschen Eile hättest, keinen Stress, fertig zu werden. Sondern, wenn du einfach Teil für Teil in den Schrank tragen würdest. Wenn du Schritt für Schritt machen würdest?

Du wärst ein Mensch, ein reicher Mensch, ein Mensch mit jeder Menge Zeit, der sogar so etwas Unwichtiges wie die Spülmaschine auszuräumen genießt. (Übrigens: Es könnte das Letzte sein, das du in deinem Leben tust. Ist es wirklich unwichtig?)

Du wärst ein Mensch, der zumindest Ruhe dabei empfindet. Vielleicht kommen dir dabei ein paar schöne Gedanken. Oder vielleicht genießt du, dass du dabei an gar nichts denken musst. Kein Problem lösen musst. Okay, außer, es fällt was runter.

Wenn ich Dinge mit mehr Ruhe tue, brauche ich in der Regel übrigens nicht viel länger. Und es geht weniger kaputt dabei. Aufträge. Beziehungen. Geschirr.

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„Dich finden, dich lieben, dir vertrauen

Die Übungen, Rezepte und Gewohnheiten der Mentoren und erfolgreichen Menschen.

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2 Kommentare
  1. Nicole Backat
    Nicole Backat sagte:

    Hallo Gidon,
    es ist für mich das erste Mal, dass ich einen Kommentar schreibe. Ich habe soooo über deine Erzählung mit der „ Spülmaschine ausräumen“ gelacht, weil es mir ganz genauso geht. Ich kann dir auch sagen, warum man immer Alles ganz schnell erledigen will…….Weil wir das früher auch so gemacht haben und es hat einfach“ funktioniert „! Wir haben funktioniert!!! ICH empfinde das zumindest so. Ich bin jetzt Mitte 50 und hatte vor drei Jahren einen Hörsturz und seitdem ist nichts mehr wie es war. Es hat sehr lange gedauert zu akzeptieren, dass es so nicht weitergehen kann und bis heute hadere ich mit verschiedenen Dingen, über die ich mir vor ein paar Jahren noch überhaupt keine Gedanken gemacht habe.
    Ich bin froh, deine Seite gefunden zu haben und mag auch deine Art, wie du die Videos vorträgst.
    Danke dafür und auch für das „ zum Lachen bringen“,
    herzliche Grüße,
    Nicole Backat

    Antworten
    • Gidon Wagner
      Gidon Wagner sagte:

      Hallo Nicole, das freut mich zu lesen. Es hat schon was Komisches, auch wenn es in den Momenten eher komisch-traurig ist 😀

      Geht es Dir gesundheitlich jetzt besser?

      Liebe Grüße,
      Gidon

      Antworten

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