Wenn aus Freundschaft Familie wird

Andi hat uns alle gerettet. Um fünf Uhr morgens rettete er uns erst neulich in der Silvesternacht mit seinem Chili con Carne. Jetzt ist dann aber Schluss, hatte ich ihn eine halbe Stunde früher noch sagen hören. Aber er kann einfach nicht anders, als dem letzten Trunkenbold aus unserer kleinen Runde noch eine Portion zu bringen.

Andi hat uns alle gerettet, als er vor einigen Jahren seinen Vorgänger Christoph ablöste. Er wollte nicht mehr weitermachen, jeden Abend hier stehen, bedienen, ausschenken, Gläser spülen.

Andi will mehr denn je. Aber er allein war es nicht, der die „Kleine Rose“ am Leben hielt. Immer hier war auch Wolfgang, viele nennen ihn einfach Herr Schmidt. Er hat das Lokal mit seinem ersten Partner vor rund 30 Jahren eröffnet. Wenn ich sein Essen lobte, wank er anfänglich immer ab. „Ach, her auf!“

Irgendwann fingen wir an, uns zu frotzeln – dieser Begriff passt hier ausnahmsweise – und wenn ich sein hausgemachtes Gyros lobte, hörte ich seitdem immer neue Beleidigungen, die mich immer wieder, bis heute zum Lachen bringen.

Nicht jeder mag Lob. Ich glaube, Wolfgang mag es schon. Vielleicht nimmt er es – wie fast wir alle – nur nicht gerne an. Und so läuft es jeden Abend, wenn ich hier bin, in der kleinen Rose. Und ich habe den Eindruck, dass Herr Schmidt mit vielen hier so eine spezielle Beziehung hat. Nicht jeden macht er zur Schnecke, der sein Essen mag. Er würde sagen, dass ich „einfach eine Nervensäge“ und „hier nur geduldet“ bin.

Und Andi? Andi ist nicht nur ein Koch, der im ganzen Viertel bekannt ist. Der davor Küchenchef war, in seiner Ausbildung im Münchner Fernsehturm die Pfannen geschwungen hat, und immer, wirklich immer freundlich und gut gelaunt in dieser kleinen Kneipe steht. Er ist ein Freund geworden. Ich weiß nicht, ob er das auch so sieht, wir haben nie darüber gesprochen.

Aber Freundschaft, das ist doch, wenn dich etwas mit jemandem verbindet, oder?

Ich habe Andi letztens gefragt, ob er es nicht vermisst, auch mal weg zu gehen; schließlich ist er fünf bis sechs Tage die Woche bis spät am Abend hier, in der kleinen Rose. Andi schaut, als wüsste er nicht genau, was ich meine.

„Na, ich meine, als du noch Küchenchef warst“.

„Da war ich auch hier. Als Gast, meistens recht früh, gleich nach Feierabend. Habe manchmal ausgeholfen und Specials gekocht.“

Und mir fällt ein: stimmt, Andi war schon hier, als wir als Halbstarke unser Taschengeld für ein Gyros Pita ausgegeben haben. Ich glaube, ich habe hier mein erstes Bier bestellt.

Das Tavernaki, so hieß die Kleine Rose, bevor Andi den Laden übernahm, es verbindet uns. Und noch viel mehr. Was uns ausmacht, hat uns hier her gebracht, und fast alle meine anderen Freunde sind auch hier.

„Es gibt so viele Kneipen wie die kleine Rose, in jeder Stadt“, gab mir einer aus unserer durchzechten Silvesterunde am Ende des Abends zu denken. „Na und?“, antworte ich ihm. Ich könnte hier nicht weg, auch wenn es hundert Kleine Rosen gäbe. Ich könnte schon, aber ich will nicht. Weil hier meine Freunde sind, und es werden immer mehr, denn hier sind eigentlich alle Gäste sowas wie Freunde, denn alle verbindet hier etwas.

Und als ich Andi in die Augen sehe und mir klar wird: dieser Kerl war schon immer hier. Er ist hier jeden Abend bis spät Nachts, nicht nur, weil es sein Job, sein Unternehmen ist. Er ist hier aus Liebe. Aus Liebe für diesen kleinen, holzvertäfelten Laden. Sein Charme kommt von den Menschen, die hier aufeinander treffen und ihre Spuren hinterlassen haben. In der Erinnerung. Mit Fotos im Fotoalbum unterm Tresen.

Und deswegen sind die meisten hier. Na gut, auch wegen des ausgezeichneten Essens zum kleinen Preis. Deswegen kann ich gar nicht oft genug auf meinem Lieblingsplatz sitzen, am Tresen, gleich neben der Küche, wo ich einen Blick auf Herrn Schmidt werfe und mir Kritik für meine blöden Witze und mein Lob am Essen abhole. Wo Andi vor mir herumturnt und den fast immer bis zum letzten Platz ausgebuchten Raum bewirtet und vertrauten Gesichtern das Essen bringt. Er könnte viel mehr dafür verlangen und selbst weniger arbeiten. Aber Andi und Schmidt machen die Portionen lieber größer als ihren Geldbeutel.

Früher, als hier noch geraucht wurde, saßen jeden Abend dieselben am Tresen: Micha und Aljoscha, Franchese (ich kenne nur seinen Spitznamen und habe ihn noch nie ausgeschrieben), Friedl und Elwine, Martin, Brigitte, Albert, Ulli, Ulli, Kevin und immer öfter auch ich. Ein paar von ihnen sind schon gestorben. Mein Hals schnürt sich zu, wenn ich an sie denke. Ich kannte sie nicht mal gut. Aber ich wurde als 21-jähriger von einem Haufen alter Knochen aufgenommen in die Runde derer, die halt immer hier sind. Hier verwandelte ich mein erstes Redakteursgehalt in Gyros und Weißbier. Ich vermisse die Zeit ein bisschen, auch wenn ich nichts an heute ändern würde. Dafür ist es hier zu schön.

Heute sieht man die alten Stammgäste seltener, neue sind dazugekommen und umso schöner ist es, wenn die alte Truppe in Teilen mal wieder im Tavernaki ist. Die vielen hundert anderen Gäste kennen es als Kleine Rose. Es ist mein zweites Zuhause. Hier sind meine Freunde. Hier ist mein Herz, das sagen mir meine feuchten Augen, während ich das schreibe. Und irgendwie ist es Familie, das wird mir immer klarer. Auch, wenn Herr Schmidt das nicht so sehen würde!

Wer hin will:

Kleine Rose

Gaßnerstraße 3, 80639 München

Telefon: 089 14332493

Website: http://www.kleinerose.com/

Ein Besuch lohnt sich!

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