Der Arbeitssucht entschlummern, oder: Wer besser schlafen will, muss seinen Schlaf lieben

Seit ich der Schule entflohen bin, laufe ich. Die letzten Jahre, das letzte Jahrzehnt war ein Marathon. Ich blieb dabei oft auf der Strecke. Aber ich habe Wichtigeres zu tun, als reich zu werden. Eine befreiende Einsicht, die wohlhabend macht.

Der Prozess war schleichend. Ich startete euphorisch ins Berufsleben, in die Selbstständigkeit. Mit zunehmendem finanziellen Erfolg wurde mir der auch immer wichtiger. Aber es gibt kein genug, wenn man reich und reicher werden will. Es ist nie genug. Wie in der Kindheit den Erwachsenen, fehlt immer etwas. 

Es muss mehr werden. Auch bei mir. Nicht nur wegen der Steuern, nicht, weil ich ein großes Auto fahren will. Weil ich mich wertvoll fühlen will; voller Wert, weil ich Werte schaffe. Zahlen auf einem Bildschirm waren der Dank für meine Arbeit. Der Ertrag. Und die waren meist nicht genug, oft bedrohlich rot.

Die große Krise ließ mich einiges ändern. Als es mir langsam besser ging und die Kräfte zurückkehrten, kehrte auch die Dummheit zurück. Die blinde Arbeitswut. Das Bewusstsein eines Menschen, der perfekt sein, ein perfektes Leben schaffen will, und dafür kaputte Lebensumstände in Kauf nimmt.

Eine Wohnung, die nie schön wird, weil das nicht wichtig genug ist. Tausende hastige Gänge zum Kühlschrank oder zur Kaffeemaschine, wo gar keine Eile ist. 

Schnell noch mit dem Hund raus, schnell noch einkaufen gehen, schnell noch schlafen gehen. Schnell noch was essen. Schneller sein als gestern. Vier, fünf Jahre nach dem Burnout wurden die Tage wieder länger, die Nächte kürzer, die Kaffetasse füllt sich häufiger. Die Spülmaschine wartet, die Wäsche knittert, der Boden ist staubig. Der Magen brennt, der Nacken ist steif. Und Schlafen? Muss leider sein zwischendurch.

„Ich habe wichtigeres zu tun, als zu schlafen“

Mich weckt alles auf. Mein Denken stürzt sich dankbar auf jedes Geräusch der Nacht und veranstaltet eine Stunde Philosophie über die Schwere der Störung. Ich mache kein Auge zu. Neben mir läuft ein kleiner Ventilator. Er schaufelt mir eine sanfte Brise zu, sie legt sich sanft über meinen Körper in den ersten heißen Sommernächten.

Zu Beginn schalte ich ihn irgendwann aus. Dann merke ich, dass sein leises Surren nicht nur das Vogelgezwitschern um vier Uhr morgens übertönt. Er macht auch das Poltern in meinem Kopf erträglicher. Ich brauche ihn, um wieder einschlafen zu können, um dann – juhu! – endlich aufstehen und etwas zu tun.

Warum soll ich mich zur Ruhe legen, wenn noch so viel zu schaffen ist?

Ich schlafe, um nicht zu sterben. Damit ich mich konzentrieren kann. Damit ich mich wohlfühle. Am Abend bedauere ich, dass der Tag vorbei ist. Ich hätte noch mehr tun können, um endlich reich zu werden.

Morgen ist auch noch ein Tag. Und übermorgen, und überübermorgen. Dazwischen: Acht Stunden nutzloser, langweiliger Schlaf.

Ich bekomme, was ich mir vom Leben erbitte. Schlaflose Nächte. Erst eine. Dann die zweite. Dann die dritte. 

Niemand erwartet so viel von mir, wie ich selbst – und niemand setzt mich so sehr unter Druck

Was habe ich getan?

Ich habe mich vergessen. 

In diesen Nächten zeigt mir das Leben, was ich sonst nachts verpasse. Nichts. Ich denke über den nächsten Auftrag, das nächste Seminar nach. Es ist drei Uhr nachts und alles in mir schreit: Du musst arbeiten. Mach was! Du musst es erledigen, sonst … . 

Die fehlenden Tage Schlaf bringen meinen Körper zum Glühen. In der letzten Nacht zittere ich, als hätte ein Fieber meinen Körper heimgesucht. Es ist ein Feuer des Widerstands, der Verzweiflung und Erschöpfung und es tobt in mir. 

Ich bin machtlos dagegen. Ich wollte die Kontrolle, ich wollte die Zeit produktiv nutzen, um mich im Leben weiterzubringen, auf dem Geld meiner Kunden surfen.

Anstatt zu fliegen, hänge ich jetzt ich in den Seilen. Ich schwitze vor Unruhe, die ich tagsüber im Schein des Bildschirms wegarbeite und nachts wehrlos zur Kenntnis muss. Ich komme ihr nicht aus. Dem Terror von einer Million Gedanken über eine Welt von morgen, wenn endlich die Sonne aufgeht. Wenn ich nicht bald zu Schlaf finde, wird sie am Ende ohne mich aufgehen. 

Panik packt mich.

Nichts kann ich ausrichten ohne meinen Schlaf, merke ich. Es ist eine Gnade der Natur, mich ins Land der Träume zu entlassen. Mit Wollen, Kontrolle und Anstrengen komme ich hier auf meinem Kissen nicht weit.

In der Nacht zuvor wachte ich um drei Uhr auf – mit Gedankenkreisen um einen Auftrag und seine verstrichene Frist.

In der Nacht darauf schlafe ich gar nicht erst ein. 

Als wollte mir das Leben sagen: Alles tust du dir selbst an!

Es gibt keinen Chef, keinen Kunden, der mir im Nacken sitzt. Nur mein Wille nach Perfektion, Sicherheit, Wachstum. Er lässt mich im Bett die Füße nervös übereinander schlagen. Ich bin zu bechäftigt, um loszulassen. Und mich erwartet eine kleine Hölle. 

Zu beschäftigt, um munter zu sein

Unter dem Diktat eines unermüdlich aktiven Geistes ist Müdigkeit ein Treuer Begleiter. In dieser Nacht lerne ich, wie sehr ich mein Leben liebe – wie sehr ich meinen Schlaf liebe. Ich erfahre, wie wenig ich Kontrolle habe und brauche. Ich entdecke, dass ich lieber arm bin als getrieben. Ich entdecke, wie sehr ich mich selbst versklave und Geld als Ausrede nehme, die Sklaverei aufrecht zu halten. Meine Fesseln kann niemand sprengen, denn sie sind unsichtbar.

Ich lerne in dieser Nacht, worauf es in meinem Leben ankommt. Auf alles, was ich in meiner Arbeitswut konsequent aus meinem Leben fernhalte: Beziehungen, Liebe, Entspannung, Fürsorge – auch für mich. 

Wenn schlafen langweilig ist, brauche ich keine Spannung.

Wenn ein voller Tag – voller Sorgen, Stress und Druck – heißt, dass ich mich so fühle, dann soll mein Tag nicht mehr voll sein.

Dann soll sich mein wichtiger Auftrag in Luft auflösen! Dann soll ich in einer Wohnung leben, die nicht größer als mein Balkon ist. Und mein Auto soll mit jemand anderes in den Mondaufgang fahren. Wenn das der Preis ist für meinen Schlaf, soll es so sein.

Ich liebe meinen Schlaf wieder

Ich liebe die Ruhe in mir. Ich liebe es, nicht über Geld, Deadlines und offene Aufgaben nachzudenken. Ich lerne wieder: Das ist auch mein Leben.

Ruhe kommt nicht mit den richtigen Tricks. Mit dem richtigen Einschlafmusikmeditationsvideo. 

Ruhe kommt, wenn wir unseren Geist nicht mehr den Auftrag für Überstunden erteilen.

Eine wertvolle Übung, wenn die Gedanken nicht aufhören zu kreisen: Wenn ich alles aufschreibe, was mir durch den Kopf geht, ohne den Stift abzusetzen, erfahre ich das Chaos in meinen Gedanken. Der Alptraum landet auf Papier und bleibt dort stehen. Beim Aufschreiben merke ich: Kein Stein steht auf dem anderen in meinem von einer verwirrenden Kindheit gezeichneten Unterbewusstsein.

Dieses Chaos wird nachts lauter, wenn ich mich tagsüber davon ablenke. Wenn ich meinem Inneren keine Aufmerksamkeit mehr schenke. Wenn ich nur noch funktioniere. 

Es wird leiser, wenn ich alles aufschreibe. Vielleicht auch bei dir. Wenn ich Pausen mache – und wenn ich mich dazu zwingen muss.

Ich liebe mein Leben, so wie es jetzt ist. Dafür muss nichts mehr passieren. Das haben mir drei Nächte ohne Schlaf beigebracht. 

  Mir Zeit für mich zu nehmen, ist ein Ausdruck von Reichtum. 

Bild von jessicaerichsenkent auf Pixabay

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