Du spürst dich nicht mehr? Dann bist du hier richtig

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Fühlst du dich nicht mehr? Dann geht’s dir wie mir einmal. Ich bin ein echter Profi im Mich-Nicht-Spüren. In ganzen Phasen, in Jahrzehnten meines Lebens habe ich mich nicht gespürt. Stattdessen war da Angst, ein eiliges Streben, ein andauerndes Weitermüssen. Auch jetzt, wo das Gefühl für mich besser wird, ist da meistens noch viel Ablenkung. In kurzen Momenten merke ich, was es heißt, ganz hier zu sein. Dann kümmert mich all das nicht mehr, was sonst wirkt, als wäre es zehnmal wichtiger als ich. Ich will mich spüren! Ich will hier sein. Ich will leben und spüren, dass ich lebe! Wie geht das?

Das geht durch Vergessen dessen, was ich glaube zu sein und was ich glaube, tun und haben zu müssen. Und dabei entdecke ich, was es heißt, zu leben: Stehenbleiben, etwas ohne Ziel tun, da sein – hier!

Richard Lang spricht in meinem Buch „Dich finden, Dich lieben, Dir vertrauen“ darüber, wer er (und du und ich) wirklich sind. Genauer spricht er darüber, wo wir wirklich sind. Wir sind hier, ich bin hier. Ich sehe meine Finger sich vor meiner Nase auf den Tasten bewegen und der Bildschirm füllt sich langsam mit Wörtern. Ich spüre meinen Atem, die kühle Luft einströmen, die warme Luft ausströmen. Und da kreisen Gedanken darüber, wer das hier wohl einmal lesen wird. Wie ich diesen Artikel weiter schreiben werde. Und da tauchen Fragen auf, ob ich das auf den Punkt bringen kann, was ich sagen will. Das, was ich heute spüre.

Willst du auf ein Happy End warten, oder willst du einfach sein?

Heute habe ich mich geschlagen gegeben und die Dinge, auf die ich gerade warte, einfach sein gelassen. 

Sie kommen, sie passieren, oder nicht. Ich gebe auf, halte den Druck des Wartens nicht mehr aus.

Gerade bin ich nicht von ihnen hypnotisiert, besser gesagt, von meinen Gedanken darüber. Davon, was ich brauche, was passieren soll, was nicht passieren darf.
 
Gerade bin ich nicht in diesem Strudel, und zwar immer dann, wenn ich mir bewusst mache, wo ich bin. Ich bin nicht da draußen in der Welt, in meinem zukünftigen Haus mit Garten, im Supermarkt, am Telefon mit einem Kunden. Ich bin genaugenommen nicht mal hier vorm Computer. Klar, Gidon sitzt da und tippt. Aber wer ich wirklich bin, oder wo, ist HIER. Hier und jetzt. Keine Taste die ich drücke oder nicht drücke macht mich zu mehr oder weniger. 

Keine Leistung, keine Errungenschaft in meinem Leben macht mich zu mehr oder weniger. Hier, in diesem Moment, wo ich bin, da spüre ich mich. Da bin ich immer derselbe, scheißegal, was gerade passiert, was ich tue oder nicht.

Den Verstand macht die Erkenntnis „Ich bin hier“ nicht zufrieden. Im Gegenteil. Wenn ich mir bewusst mache, wer und wo ich bin, verschwinden die Probleme und Sorgen. Aber an die klammern sich meine Gedanken doch so gerne! Ich befinde mich nicht mehr in der Zukunft oder der Vergangenheit und ihren Bildern. Ich befinde mich vor meiner Kaffeemaschine. 

Ohne die ganzen Probleme (die selten hier sind, sondern in Vergangenheit oder Zukunft), wozu bräuchte es dann noch den Grübler da oben? Diese übergroße Denkmaschine, die schon gleich morgens (oder mitten in der Nacht) beginnt zu rattern. Alles will überleben, auch mein Ego. Und ich höre den Einwand aus der Mitte meines Kopfes: Dadurch löst du doch das Problem nicht. Die Reaktion meines Verstandes ist also nachvollziehbar: „Spinnst du? Wirst du jetzt wahnsinnig? Zurück zum Thema! Du brauchst mich und meine Paranoia“.

Den Fuß nicht in den Strom der Sorgen und Gedanken stecken – sondern hier bleiben

Mein ganzes Leben komme ich zurück zum Thema. Und war seit ich denken kann ein getriebener, ängstlicher, mal mehr, mal weniger depressiver Mensch. Weil ich brav immer wieder zurück zum Thema gekommen bin: „Das Leben ist ein Schlamassel, ein Problem, das es zu lösen gilt!“ Das haben mich schon meine Eltern, Lehrer und erste Gehversuche gelehrt, in einem Leben als multimedial-gebildeter Schulbuch-Leser.

Apropos Medien: Ich bin hier! Auch, wenn die neunte Welle des Super-Virus über mich und meine kalten Finger schwappt, bin ich hier. Und wenn der Gesundheitsminister und alle Bundeskanzler der Welt noch so inkompetent, Unternehmer korrupt und Verschwörungsüberzeugte noch so theoretisch sind – ich bin noch immer hier und werde immer hier sein. Die Nachrichten schreien: Hör zu, pass auf, habe Angst! Und ich bin hier. Die Versicherung will mehr Geld – und ich bin hier.

Die unspektakulärste Entdeckung des Lebens, die uns wieder ins Fühlen bringt

Ist das nicht die dümmste Erkenntnis, die einer je hatte? Wer oder wo ich bin, das ist ein echter No-Brainer. Klar bin ich hier. Darüber muss und kann man nicht nachdenken. Es ist ein meditativer Zustand, mir bewusst zu machen, was ich in diesem Moment erfahre. Ich richte meinen inneren Blick auf mich und sehe noch immer dasselbe. Finger bewegen sich, am Bildschirm formen sich Wörter, Zeilen, Absätze.

Ich spüre und sehe ihn nicht, diesen Gidon, der morgen hier und in einem Jahr dort sein muss. Unbedingt! Voller Stress ins Glück!

Ich spüre ihn nicht, diesen Menschen mit seinen Ängsten, Sorgen, Hoffnungen, Zwängen. Ich spüre die Tastatur unter den Fingern, den Atem ein und ausströmen, ab und zu fällt mein Blick auf einen anderen Gegenstand auf meinem Schreibtisch. Und da, wo Ihr mein Gesicht sehen würdet, hätte ich die Kamera meines Laptops an, da sehe ich nichts.

Und gleichzeitig sehe ich alles, außer diesen Kerl, den ich aus dem Spiegel kenne. Ist er vielleicht eine Illusion? Eine über die Jahre immer anders aussehende, mal dies und mal das denkende Einbildung? Wenn es ihn gibt, dann in Form purer Veränderung, in jeder Sekunde.

Mein Ego sagt aber: Ich bin der und der, kann dies und das. Und es muss immer mehr können und haben und sein, um einen neuen Kick zu bekommen. Um sich zu „spüren“. Das ist aber kein spüren, sondern nur noch mehr Einbildung. 

Gidon, der Autor. Gidon, der Unternehmer. Gidon, der Vater, der Mensch, der Kreative. Alles Etiketten, Worthülsen ohne Bedeutung, während ich vor der Kaffeemaschine stehe. Was heißt es schon, Vater zu sein, wenn meine Tochter 200 Kilometer entfernt von mir ist? Was ist schon ein Unternehmer, wenn er nur Arbeit kennt und alles ihr unterordnet? Ein Gedanke, eine Rolle, eine Vorstellung.
Diese kurzen Momente, wo das Geld aufs Konto kommt, das neue Auto vor der Tür steht, die neue Liebe des Lebens auftaucht.

Der negative Ruf des „Nichts“

Wen fühlst du, wenn du dich nicht fühlst? Wer beklagt sich da? In Wirklichkeit brauchen wir keine Pillen, um das alte Gefühl zurück zu bekommen. Wir werden uns der Illusion bewusst, die wir für uns gehalten haben. Diese Rollen, die wir spielen. Unsere Gefühle, allen voran die Angst, die uns leiten; das sind nicht wir. Wenn ich mir bewusst mache, wer ich bin, dann kommt das dem Nichts viel mehr gleich als den ganzen Rollen, und den ganzen Bildern von mir, die durch meine Gedanken tanzen.

Aber nicht dieses depressive Nichts, das wir fühlen, wenn der Fernseher kaputt geht. Ich bin ein schönes Nichts, ein wundervolles Mysterium, ein volles Vakuum, voller Möglichkeiten, voller kreativer Energie. Was ich wirklich bin, hat sich nicht verändert seit ich zum ersten Mal Da-da gesagt habe und wird noch immer so sein, wenn ich meinen letzten Atemzug nehme.

Und genau dieses Nichts ist es, das ich fühle, wenn ich still werde, meine Gedanken beobachte. Wenn ich nach dem Sport oder nach dem Duschen für einen Moment zufrieden bin, zu Frieden, erfüllt von dieser vollen, prächtigen Stille in meinem Gedanken, die voller Leben ist. Weil ich einfach da sein kann und das reicht. Dann spüre ich mich. Meine Haut trocknet noch von der warmen Dusche (und dem kalten Eimer Wasser hinterher) und ich blicke in den Spiegel.

Dort ist mein Gesicht, und hier, auf der anderen Seite des Glases, da bin ich. Da ist keine Angst, kein Stress, auch kein Glück, keine Euphorie, da ist einfach nur Sein, ein Erleben von „Ich bin“. Es ist die meiste Zeit meines Lebens verdeckt von all dem, was ich werden und sein will, muss, könnte, würde, wenn doch nur…

Fühlst du dich? Oder fühlst du nur das, was dir durch den Kopf geht? Es ist eine Illusion, nicht wirklich da. Eine Erinnerung, wie die Finger auf meiner Tastatur – in diesem Moment vorbei, vorbei, vorbei – es alles Erinnerung und Vorstellung, worüber ich nachdenke. Was wirklich da ist, was nie verschwindet, ist das Gefühl, die zweifellose Sicherheit: Ich bin. Und bei dir ist es kein bisschen anders.

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