Warum zieht er (sie) sich immer wieder zurück?

Im Coaching höre ich oft: „… Das für mich Schlimmste ist, dass er nicht in der Lage ist, mir zu erklären, warum er sich immer wieder von mir zurückzieht, ohne sich endgültig von mir zu trennen…“. Ein Beitrag darüber, wie Nicht-Verstehen Trennungen verhindert und das Leid verlängert. Und wichtige Fragen für den Weg raus aus diesem quälenden Kreislauf.

Ein Gastbeitrag von Ekke Scholz

Das Schlimmste ist nicht die Trennung, sondern die fehlende Erklärung und das Verständnis, warum sich der Partner zurückzieht. Wir wollen verstehen. Seltsamerweise ist das Nicht-Verstehen manchmal der Kitt, warum wir bei einem Partner bleiben. Es ist eine Art Niemandsland, in dem wir uns einnisten und uns unsere Gedanken machen. Mit diesen Gedanken lullen wir uns in eine Komfortzone ein.

Mit dem Bedürfnis, das Verhalten des Partners zu verstehen, bist du nicht allein. Das geht vielen von uns so.

Warum ist er/sie fremd gegangen? Warum geht er/sie immer noch fremd? Warum will er/sie keinen Sex mehr? Warum widmet er/sie immer mehr Zeit anderen Dingen – ohne mich?

Warum bleibt er/sie immer länger in der Arbeit und warum kommt er/sie immer später von der Arbeit nach Hause? Warum legt er/sie so ungewohnt viel Wert auf körperliche Reinlichkeit? Warum arbeitet er/sie an seiner/ihrer Figur?

Kein Gespräch mit dem Partner bringt die Erklärung, die wir bräuchten. Wir können nicht gehen, solange lose Enden existieren.

Die Gedanken, die wir uns machen, lassen alles offen.

Wir wollen gerne alles begreifen und erklärt bekommen. Wir wollen wissen, warum jemand so geduldig sein kann, so grob, niederträchtig, blind, so ein Idiot. Wir wollen nicht nur unseren Partner verstehen, aber vor allem ihn. Aber bringt es das? Was würde es dir bringen, wenn du wüsstest, warum er sich immer weiter von dir zurückzieht?

Für manche ist es das Schlimmste, nicht erklärt zu bekommen, warum sich der Partner zurückzieht. Aber stimmt das? Ist es nicht vielleicht das Schlimmste, dass wir mit diesem Nicht-Wissen ein Stück weit die Orientierung verlieren? Fühlt es sich nicht manchmal an, als würden wir mit einem Ruderboot auf einem großen weiten Meer rudern, ohne ein Ufer zu sehen und nicht zu wissen, wohin mit uns? Wie sollen wir auf den Partner reagieren?

Was wäre, wenn …

Mal angenommen, wir würden diesen Zustand von Orientierungslosigkeit nicht länger aushalten und den Partner verlassen. Dann könnte sich im Nachhinein herausstellen, dass er dich liebt, aber er konnte es nicht ausdrücken. Würdest du dir nicht Vorwürfe machen?

Es könnte sich im Nachhinein auch herausstellen, dass er dich schon lange nicht mehr liebt. Dann käme deine Trennung viel zu spät. Würdest du es bereuen, dich nicht vorher getrennt zu haben?

Es könnte auch sein, dass du in deiner unerwarteten Freiheit feststellst, dass du selbst ihn gar nicht mehr geliebt hast. Nur das Verstehen-Wollen hat dich an ihm gehalten. Auch dann würde dir klar werden, dass du hättest viel früher gehen müssen.

Mehr über den Autor Ekke Scholz: https://www.ekke-scholz.de/

Dein Zustand von Nicht-Verstehen erzeugt eine Orgie von Gedanken und Möglichkeiten, die noch mehr Leid erzeugen können.

Wenn wir denken, es unbedingt verstehen zu müssen, offenbart das, wie sehr wir unser Handeln vom Verstehen abhängig machen. Vom Durchblick. Wir richten unser Handeln an der anderen Person aus. Wenn wir sie verstehen, ist alles gut. Wenn nicht, sind wir hilflos. Wie viel Hoffnung knüpfst du an eine verständliche Erklärung von deinem Partner?

Stell dir vor, er würde sich ständig mitteilen und dir erklären, warum er sich zurückzieht. Aber du verstehst nur Bahnhof! Wäre das besser? Mal angenommen, seine Mutter würde an einer unheilbaren Krankheit leiden und er würde sich deshalb zurückziehen – würde dir eine solche Erklärung helfen? 
Wahrscheinlich nur ein bisschen. Aber eher unwahrscheinlich, denn du fühlst diesen Rückzug seit Jahren und die Schwiegermutter ist erst vor einem halben Jahr erkrankt.

Leider braucht es in unserem Leben einen Grund, glücklich sein zu können und zu dürfen. Wir verzehren uns in unserem Leben nach Erklärungen und Begründungen. Solange wir etwas nicht verstehen, sind wir unruhig und unzufrieden, doch sobald der „Groschen“ fällt, fällt eine Last von uns.

Verstehen macht unser Leben zwar irgendwie leichter, aber nicht glücklich. Schon gar nicht, solange wir das Verhalten unseres Partners verstehen wollen.

Redaktionsassitent Goofy braucht nichts zu verstehen, um zufrieden zu sein. Wie viel hat er uns doch voraus!

Emotionale Nähe

Oder ist es im Grunde egal, ob wir unseren Partner verstehen, Hauptsache, er redet mit uns? Ist vielleicht das Bedürfnis, ihn zu verstehen, nur ein „vernünftiger Grund“, ihn in ein intimes Gespräch zu verwickeln? In ein Gespräch über Gefühle, Empfindungen und Gedanken darüber, was uns so den lieben langen Tag bewegt.
Menschen, die sich emotional vernachlässigt fühlen, trauen sich gar nicht mehr, ihr Bedürfnis nach emotionaler Nähe zu äußern Gespräche, Umarmung oder Berührung der Hände, das alles fehlt ihnen heimlich.
Eigene Gefühle sind verboten, aber Gespräche mit Erklärungen und Begründungen sind erlaubt. Ein „vernünftiges Gespräch“ ist der kleinste gemeinsame Nenner.

Könnte das der eigentliche Grund sein, den Partner zum Reden bringen zu wollen? Er soll erklären, warum er sich zurückzieht. Aber bitte kein Gespräch über Gefühle und Emotionen. Mann, oh Frau, was tun wir uns nur an!

Ekke Scholz über sich:

„Ich bin der Ekke, Ekke Scholz. Mein Leben? Wunderbar. Heute! Früher wollte ich die Welt noch erklären und erklärt bekommen – heute herrscht in mir achtsame Ruhe. Wo ich früher in Machtspielchen zwischen Angriff und Verteidigung, Kränkungen und Verletzungen agierte, ist heute Zuhören: mir und den anderen. Wo es mir früher wichtig war, alles richtig zu machen und Dinge zu richten, ist es mir heute wichtig die Dinge sein zu lassen, wie sie sind. Und voller Liebe zu vertrauen, dass es richtig ist, wie sie sich entwickeln.“ 
Homepage: www.ekke-scholz.de

Bild von SnapwireSnaps auf Pixabay

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