„Er ist ein Narzisst!“ Ihr Freund stößt Menschen von sich weg und verletzt sie – warum ist das so, fragt mich Leserin Lena*. Sie fragt weiter: Verhält er sich so, weil er Einzelkind ist? Er tut so, als hätte er Selbstvertrauen – in schwachen Momenten lässt er aber durchsickern, dass es nicht so ist. Emotionale Menschen überfordern ihn außerdem. 

Hallo Lena,

vorab: eine andere Leserin hat mich darauf hingewiesen, dass es die Narzisstische Persönlichkeitsstörung als anerkanntes Krankheitsbild gibt. Ich will hier auf keinen Fall herunterspielen, dass Narzissmus eine gewaltige Herausforderung ist. Trotzdem entscheidet unsere Art damit umzugehen, wie sehr wir darunter leiden. Ich kann davon ein Liedchen singen, weil ich selbst zum Beispiel unter einigen Zwängen „leide“ – die inzwischen stark abgenommen haben und langsam verschwinden. Davor stand jedoch, mein zusätzliches Leid zu lindern, indem ich mehr Ruhe in meinen Verstand bringe.

Jetzt zu meiner eigentlichen Antwort:

Es klingt wie ein fieser Streich des Lebens, aber wir sehen in anderen immer das, was wir zum Teil auch in uns tragen. Und in Wirklichkeit ist das eine riesige Chance! Mich selbst zu erkennen, bewusster zu werden, glücklicher zu werden.

Ich zum Beispiel hatte zum Ende einer Beziehung den Gedanken, dass ich mit einer Verrückten zusammen bin. Und überging dabei, wie verrückt es in mir selbst aussah. Was für verrückte Gedanken ich über sie hatte, und wie sehr ich mich in diesen andauernden Streit verbissen hatte, wie ein Wahnsinniger, der nur noch ein Thema kannte. Von wegen verrückt: Meine Aliens, die mich entführen wollten, war meine Freundin, die mich (aus meiner damaligen Sicht) drangsalierte.

Auch heute denkt ein Teil von mir, dass sie ein furchtbarer Mensch ist. Ein anderer, wachsender Teil erkennt aber sich selbst in ihr. Meine vielen kleinen Verrücktheiten, meine ständige Kritik an mir selbst; all das spiegelte sie mir zurück und wir hatten uns vielleicht deshalb so angezogen.

Warum ziehe ich Egoisten an?

 Weil nicht nur Gegensätze sich anziehen, sondern weil wir die Partner bekommen, die wir gerade brauchen. Sie sind Chancen, um uns weiterzuentwickeln. 

Lena, ich will damit nicht sagen, dass du eine Narzisstin bist. Für mich ist dieses Wort ohnehin nur ein Etikett, ein Urteil, ein Glaubenssatz (etwas anderes ist die Narzisstische Persönlichkeitsstörung). Aber dein Statement „Er ist ein Narzisst“ erinnert mich so sehr an mich selbst. Ich bin schnell mit meinen Urteilen. Und genauso schnell ziehe ich sie auch wieder zurück. Denn wenn wir jemanden als Verrückten, als Schwein, als Narzisst oder als sonst was bezeichnen, greifen wir uns einen kleinen Teil der Wirklichkeit heraus und konzentrieren uns nur noch auf den. Oft für Jahre. Und das macht unsere Welt kleiner. Trauriger. Schwerer.

 Bin ich vielleicht auch ein Narzisst, weil ich jemanden nur für mich ändern will? 

Welche Seiten des anderen ignoriere ich, während ich über sie oder ihn urteile? Wo bin ich ein Einzelkind, das nur seine eigenen Bedürfnisse kennt und alles für sich haben will?

Lena, ich bin mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Und ich habe Teilen gelernt. Aber ich denke die meiste Zeit des Tages nur an mich. Ich tue Dinge für mich. Ich schreibe diesen Text für mich. Ich freue mich, wenn ich dir oder anderen damit helfen kann, aber ich tue es für mich – weil es mir Freude macht. Es tut mir Leid, wenn ich nicht selbstloser sein kann. Aber das würde sich nicht gut anfühlen. Bei allem, was ich für andere tue, muss auch etwas für mich dabei sein. Sonst verneine ich mich selbst.

Ich wandle zwischen Selbstverliebtheit und Selbstaufgabe

Ich muss mich in Gesprächen bemühen, auch mal nach dem anderen zu fragen, weil ich immer so viel von mir zu erzählen habe. Und ich merke dann immer, wie gut es sich anfühlt, Fragen zu stellen und auch einfach mal zuzuhören. Wenn es endlich mal nicht nur um mich geht.

Aber ich schaffe es auch nicht immer, mir selbst am nächsten zu sein. So oft vernachlässige ich mich selbst, weil ich andere nicht verletzen oder verärgern will. Zum Beispiel in Gesprächen, wenn ich nicht Bescheid gebe, dass ich jetzt meine Ruhe haben will. Dass ich einen anstrengenden Tag hatte und es mir jetzt zu viel wird.

Ich glaube, wir können von eingefleischten Egoisten jede Menge lernen. Auch ich. Du vielleicht auch?

Ich könnte mir von deinem Partner vielleicht noch jede Menge abgucken, wie ich öfter einfach für mich da sein kann, mir selbst ein besserer Freund sein kann. Solche Menschen finde ich toll. Menschen, die offenbar einfach immer sagen, was sie denken. Was sie haben wollen. Ich wünschte, ich könnte das jetzt schon öfter.

Das sieht dann von außen vielleicht aus, als würde er Menschen wegstoßen. Vielleicht kann er nicht anders, vielleicht ist das seine Art, für sich zu sorgen.

 Mir hat schon mal jemand (ein weiblicher Jemand) gesagt, ich sei zu gut für sie. Und ich dachte mir damals: was für ein kranker Scheiß. Spinnt die? Ich, zu gut für diese tolle Frau? Aber ihr Bild von sich selbst war nun mal so, wie es war. Warum ein Mensch andere wegstößt und vergrault, können wir nicht wissen. Aber wir können darauf achten, uns selbst nicht wegzustoßen. 

  • Indem wir den anderen nicht zum Problem-Mittelpunkt unserer Welt machen, sondern uns unabhängig machen. Indem wir uns nicht zum Opfer erklären, sondern zum Architekten unseres Lebens.
  • Indem wir eine Beziehung verlassen, die uns nicht gut tut.
  • Indem wir nicht leidend auf den anderen warten, sondern und selbst weiterentwickeln.

Übung für alle, die unter einem Narzissten leiden

Natürlich steht jedem frei, zu gehen, wenn eine Beziehung nicht mehr erträglich ist. Für alle anderen schlage ich diese kleine Übung vor, um sich selbst näher zu kommen und dadurch vielleicht neue Perspektiven auf mögliche Lösungen zu gewinnen:

Wenn ich mich selbst im anderen erkenne, habe ich weniger Stress mit ihm und werde selbstbewusster. Eine tolle Übung könnte deshalb sein, wenn jeder hier einen kleinen Kommentar unter diesem Artikel schreibt, und beschreibt, wo er oder sie selbst narzisstisch ist.

Wenn wir uns bewusst machen, wo wir selbst mal der „Arsch“ sind, können wir außerdem selbst noch mehr unsere Ideale leben, weil wir SELBSTbewusster werden. Mich selbst im anderen erkennen – damit fühle ich mich verbundener mit ihm. Ohne das gibt es keine Liebe.

Wenn ich mich selbst erkenne, ändern sich die Dinge oft wie von selbst, weil ich gelassener werde. Weil sich unsere Beziehung entspannt und der andere nicht mehr glaubt, sich schützen zu müssen.

Mehr Selbstbewusstsein hat mich gerettet – hier spreche ich über meine Erfahrungen und wie dir das helfen kann

Können Egoisten lieben? Wir selbst sind der beste Beweis!

Also, hier noch mal meine Einladung an jeden, der unter einem Narzissten leidet: Höre in dich rein, nimm dir einen Moment Zeit und finde Beispiele, wo du selbst ein Narzisst bist, selbstverliebt bist, wo du nur an dich selbst denkst… und schreib es uns in die Kommentare, wenn du möchtest. Das ist sicher für alle anderen ein Trost – niemand von uns ist nur die eine Seite. Völlig selbstlos. Völlig narzisstisch. So sehen die Dinge nur durch unsere schwarz-weiße Brille aus.

Dabei helfen könnte dir meine Lieblings-Meditation, The Work. Wie sie geht, beschreibe ich in diesem Artikel über The Work.

Oder willst du, dass ich einen Artikel für dich schreibe? Dann maile mir doch an gidon@herzbiskopf.de und sag mir, was dich beschäftigt.

Du willst dich von deinem Schmerz befreien? Hilfe findest du in meinem Buch:

„Dich finden, dich lieben, dir vertrauen

Die Übungen, Rezepte und Gewohnheiten der Mentoren und erfolgreichen Menschen.

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Foto: josealbafotos

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