Jeder hat eine Vorstellung davon, wie ein geglücktes Leben aussieht. Vielleicht ist es ein Bild von einem Haus, Kinder spielen auf der Veranda und glückliche, gesunde und erfolgreiche Eltern schauen ihnen beim Großwerden zu. Oder das fette Auto. Ein bestimmter Status, eine Position im Job, Umsätze, Gehalt. Anerkennung von den Kollegen. Eine glückliche Partnerschaft, in der es an nichts fehlt. Sind Ziele die Rezepte zum erfüllten Leben? Warum ich daran nicht mehr glaube.

Warum stehe ich morgens auf und tue das, was ich tue? Wer sich schon einmal depressiv gefühlt hat, weiß vielleicht, dass es nicht selbstverständlich ist, sich diese Frage beantworten zu können. Geschweige denn, die Kraft zu haben, einfach in den Tag zu starten. Nicht zu wissen, wofür man sich überhaupt anstrengen soll, kann erschrecken. Und sich einzugestehen, dass man es nicht weiß – was genau der Sinn von allem sein soll – kann eine schmerzliche Erfahrung sein, aber auch zur genialen Einsicht führen: Ich muss es gar nicht wissen. Und kann trotzdem weitergehen, wohin ich will.

Wenn ich weiß, was ich will, kann ich mein Leben besser leben – kann ich sicher wissen, dass das wahr ist?

Was habe ich nicht schon alles gewollt; gewusst, was ich wollte; gewollt, was ich nicht hatte, nicht gewollt, was ich hatte; nicht gewusst und nicht gewollt, was ich wollte! Ein Affenzirkus! Zum Glück habe ich nicht alles davon bekommen, was ich wollte. Ich weiß einen Scheiß, was theoretisch gut für mich ist. Ich weiß aber ganz genau, was jetzt gut für mich ist.

Ich weiß, dass ich jetzt einen Schluck Wasser trinken will (schluck). Ich weiß, dass ich gerade an diesem Artikel feilen sollte. Weil ich tue. Bis ich es nicht mehr tue.

Aber Moment, fehlt da nicht was? Was ist mit morgen? Mit jetzt gleich? Macht das nicht den Mensch aus, dass er plant und weiß, was er als nächstes tut?

Der unglaublich wichtige Unterschied zwischen ‘gut’ und ‘theoretisch gut’

Ich bin zufrieden mit meiner Schreiberei. Aber sobald ich mir überlege: Hm, sollte ich vielleicht ins Bett gehen; Werden die Leute überhaupt verstehen, was ich meine? Ab da bin ich schon wieder bei theoretisch gut. Ich sitze da, und schreibe diesen Text, so gut ich kann. Das ist die Realität, das ist das, was ich gerade tun soll. Wer weiß, was in einer Minute, in einer Sekunde ist? Wusste ich es jemals? Musste ich es jemals wissen?

Theoretisch geht es dann in Gedanken aber weiter: Sollte ich wirklich spät nachts vor meinem Laptop sitzen; andere schaffen es doch auch, tagsüber zu arbeiten; Ich muss mal etwas Struktur in meinen Arbeitsalltag bringen; Und morgen muss ich erstmal Frau und Herrn Duweißtschonwen anrufen; Wo wird meine Firma in einem Jahr stehen?; Ich brauche einen Plan, wie ich jeden Tag einen Selbstimpuls-Artikel schreiben und gleichzeitig alles andere auch optimal hinbekomme… Blablabla.

Alles theoretisch gute Gedanken, theoretisch mehr oder weniger richtig. Alles kurz- oder langfristig sinnvoll, zu planen.

Gut, praktisch umsetzbar und am wichtigsten ist aber, dass ich in diesem Moment in die Tasten haue, was das Zeug hält. Ich sollte das tun, bis ich es nicht mehr mache. Es macht Spaß. Jede Idee, die mich davon abbringt und mir erzählt, was ich eigentlich tun sollte und welche Pläne noch zu schmieden sind, macht mein Leben miserabel. Miserabel im Kontrast zu: Hochzufrieden schreiben, die Gedanken fließen, Ideen sprießen lassen. Sich freuen, vielleicht etwas weitergeben zu können, was ich lernen durfte. Bis ich damit aufhöre. So lebe ich nach dem, was gut für mich ist.

Ich will (Ziel), dass jeden Tag hunderte, tausende Menschen unsere Artikel lesen und begeistert sind. Aber jetzt schreibe ich an diesem hier. Und damit ist es eigentlich kein richtiges Ziel mehr. Ich weiß, wo ich hin will – die klassische Definition von “Ziel”. Und jetzt mache ich jeden Schritt so gut, wie es geht und vergesse dabei nicht, zwischendurch auch mal ein wenig zu tanzen.

Ein Ziel ist nur hilfreich, wenn es mir jetzt hilft

Wenn du dich beim Gedanken ertappst: Das ist jetzt zwar eine schwere (scheiß) Zeit, aber da muss ich durch, weil danach wartet ja…, dann lebst du in derselben Phantasiewelt, aus der ich komme. Ich habe Wunder vollbracht. Ich habe in der Zukunft gelebt! Taddaa. Hat nicht geklappt.

Um diesen teuflischen Plan umzusetzen, dafür habe ich einfach alles ausgeblendet und mich nur auf das konzentriert, was mein vermeintlicher Sinn war. Was ich wirklich wollte. Meine Firma! Am Punkt X! Und nichts anderes!

Dann platzte diese Seifenblase (zum Glück), gefüllt mit muffigem Geruch abgestorbener Träume und verpasster Chancen, begleitet von schwindenden Kräften. Erfolg kann ziemlich scheiße sein. Ich spürte, dass ich in einer Sackgasse gelandet war. Es machte alles keinen Spaß mehr. Ich spielte im Kopf durch, wo ich eigentlich hinwollte und ich fand nichts. Ich war völlig leer.

Das klang ungefähr so: Was ist der Sinn von allem? Wo soll ich hin? Was soll ich tun? Nichts macht mich glücklich, nichts macht mich zufrieden. Ich brauche etwas, woran ich mich festhalten kann, FÜR IMMER. Ich brauche DAS EINE GROSSE DING, das meinem Leben einen Sinn gibt.

Alles, was ich hatte (oder dachte, zu haben), waren meine alten Vorstellungen vom Leben, und die schienen nicht mehr erreichbar zu sein. Übriggeblieben war ein 28-Jähriger in der Midlife Crisis. Ich hatte keinen Sinn mehr für einfache Dinge. Dafür, wie schön es ist, zu atmen, die weiche Couch unter meinem Körper zu fühlen, die Stille in meinem Zimmer wahrzunehmen, die Wärme meines Körpers zu spüren.

Stattdessen tanzte ich mit verzerrten Bildern von Vergangenheit und Zukunft im Kopf einen traurigen Walzer, vor und zurück, und stieg mir dabei selber auf die Füße.

Morgen werde ich nur noch im Jetzt leben!

Ich hatte mich jahrelang damit beschäftigt, im gegenwärtigen Moment zu leben – und in Wirklichkeit die meiste Zeit in der Zukunft verbracht. Jetzt schien die Gegenwart der schrecklichste Ort zu sein, an dem ich mich aufhalten konnte. Dabei war eigentlich alles ganz einfach:

Ich wollte mich einfach entspannen können und glücklich sein. Aber ich dachte (und denke auch heute noch oft), ich brauche dafür etwas. Erfolg. Liebe. Bestimmung. Eine große Aufgabe. 

Ich war es so gewohnt, zu rennen, dass ich nicht einmal mehr ruhig sitzen konnte. Eine Stunde auf der Parkbank war Folter. Essen ging nur vor dem Fernseher. Ich war so daran gewöhnt, aktiv zu sein, dass ich es nicht aushielt, das Leben auf mich wirken zu lassen und abzuwarten, was als nächstes passieren würde.

Ich war ein Gefangener in einem rastlosen Körper, getrieben von einem immer rotierenden Verstand, der nur noch Meilensteine kannte und darüber stolperte, dass das Leben eben nicht aus Meilensteinen besteht.

Ich kannte nur noch den Aufstieg und hatte vergessen, wie schön es ist, einzukehren und den Ausblick zu genießen.

Ich litt und leide an Irrtümern, die ich über mich, das Leben und die Welt glaube. Die größten Brocken, die ich für mich schon gefunden habe, stelle ich in dieser Artikel-Reihe vor und zeige, dass sie (für mich) nicht mehr stimmen. Ich denke, dass viele Leser diese Gedanken auch von sich kennen.

Nachdenken oder der Nase nach?

Ziele haben mir manchmal geholfen, etwas zu erreichen, von dem ich glaubte, dass ich es brauche. Das reichte vom neuen Laptop bis zum soliden monatlichen Einkommen als Selbstständiger oder dem Aussehen der ersten eigenen Wohnung. Mit dabei waren auch Kandidaten wie „Glücklich sein“, “Gesund bleiben” oder „Menschen Gutes tun“. Damit fühlte ich mich gut. Ein guter Mensch, mit den richtigen Zielen. Das hat mich eine Zeit lang motiviert. Wenn ich Meilensteine aber erreicht hatte, habe ich das oft gar nicht bemerkt oder erst danach festgestellt, etwa beim Stolpern über eine alte Notiz: Hey, das hatte ich mir doch mal als Ziel gesetzt! Von Glück keine Spur. Weiter geht’s, Plan umgesetzt. Und jetzt?

Ziele mit echtem Wert kennst du schon – du brauchst sie dir nicht extra setzen

Waren das die falschen Ziele? Ich glaube nicht. Was ist falsch an Erfolg? An einem Auto. An einer schönen Partnerschaft. Ziele setzen ist super, sie zu erreichen noch besser. Aber glücklich macht das nicht automatisch. Es kann sogar unglücklich machen. Ich habe meine Ziele so verbissen verfolgt, dass ich am Ende nicht mehr gesehen habe, was außer diesen Zielen überhaupt noch eine Rolle für mich spielt. Und ich habe viele Weggabelungen verpasst, die mich vielleicht kurz von meinem Hauptweg abbringen, aber trotzdem zu schönen Orten führen können.

Überall hört man, setz dir Ziele und verfolg sie! Ich sage: Setz dir Ziele, aber verlier dein Glückskonto nicht aus den Augen. Macht dich glücklich, was du jetzt tust? Oder planst du bloß dein Glücklichsein und beißt dafür jeden Tag in saure Äpfel, während dir die Hoffnung Kraft gibt? Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt ganz sicher irgendwann. Hoffnung lebt davon, dass du denkst, es geht weiter. Es gibt eine Zukunft. Aber wo ist sie, die Zukunft? Hat irgendwer die Zukunft schon mal gesehen? Wenn du hoffst, dass dich die richtigen Ziele glücklich machen, setzt du dein Leben aufs Spiel. Denn Ziele existieren nur in deinem Kopf, in der vorgestellten Zukunft, während sich das Leben hier und jetzt abspielt.

Ziele und Pläne sind Werkzeuge, kein Lebensinhalt

Brauchst du ein Ziel, hier und jetzt? Brauchst du einen Masterplan während du schläfst, isst, duschst, auf einer Party bist, abwäschst, dir die Fußnägel schneidest? Während du eine E-Mail an einen Kollegen schreibst? Ein Gespräch mit deinem Chef führst? Einem Freund zuhörst? Oder weißt du nicht sowieso in jedem dieser Momente, was richtig für dich ist? Was zu tun ist? Und ist das Leben nicht genau das: Ein “sich Ergeben”, ein “sich Entfalten” in jedem Moment? Wie bist du hier hingekommen? Wo sind deine Hände gerade? Wer hat sie da hingelegt? War das geplant? War jeder Schritt wie in einem Film schon festgelegt?

Ich habe Ziele. Aber ich brauche kein einziges mehr. Viel mehr ordne ich meine Ziele dem unter, was sich jetzt richtig anfühlt und mir am besten auch noch Freude macht. Das klappt mal besser, mal schlechter. Und ich lasse Ziele kommen und gehen. Ich freue mich, zu sehen, was sich jetzt als Meilenstein auftut und zu sehen, was ich dafür tun muss. Ziele dienen aus.

Sinne des Lebens dienen aus. Sie gehen verloren. Zum Glück, denn dann merke ich, dass ich jetzt nicht mehr brauche, außer das hier: Vor mir ein Laptop, ein heller Bildschirm. Musik. Einatmen, ausatmen. Eine (leere) Flasche Wasser. Ein unfertiger Artikel. Eine Idee.

Vielen Dank für das tolle Foto an: TheVirtualDenise. Gefunden auf: https://pixabay.com/de/kindheit-erinnerungen-herbst-kinder-2483894/

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