Was hilft gegen Nervosität und Angst? Einsicht, Verständnis und Selbstliebe

Angst und Nervosität können jetzt vorbei sein, wenn du ihre Ursache erkennst. Sie sind das Symptom, nicht das Problem selbst. Ich weiß, wovon ich spreche, nach fünf Jahren Psychotherapie und nochmal fast doppelt so viel Zeit der Selbsthilfe, jahrelangen Panikattacken, Sorgen und Angstzuständen. Was mir letztendlich geholfen hat, liste ich in diesem kleinen Helfer-Artikel auf.

Die folgende Liste erweckt vielleicht den Eindruck, es wären viele verschiedene Tipps. Dabei zielen alle Tipps auf dasselbe ab: Ruhe in deine Gedanken zu bringen. Denn deine Gedanken bestimmen, wie du dich fühlst.

Aus allem Furchtbaren oder Unscheinbaren kann etwas Schönes entstehen.

Angst, Nervosität und Panik sind Reaktionen des Körpers auf deine Gedanken. Grundlos Angst? Gibt es nicht. Dein Organismus versucht, dich zu schützen, dabei sitzt der Feind in deiner Fantasie. Denn Angst kommt immer wegen einer Vorstellung von der Zukunft. Was in fünf Jahren, Tagen oder fünf Minuten passieren wird.

Es geht nicht darum, deine Angst zu töten. Es geht darum, zu verstehen, dass die Angst nicht dein Feind ist und dass sie gehen darf. Weil du sie nicht mehr brauchst. Weil du erkennst, dass ihre Mauern aus Fantasie so unecht sind wie Sandkuchen.

Hier meine 4 Tipps bei Angst und Nervosität

1. Nicht gegen die Angst ankämpfen, sondern sie durchschauen!

Wenn du dich mit deiner Angst intensiv beschäftigst, darüber nachdenkst oder sie wegdrücken willst, wird sie oft nur stärker. Bei mir sieht das oft so aus: Oh Gott, jetzt kommt die Panik schon wieder. Was soll ich denn jetzt machen? Das halte ich nicht aus. Ich muss irgendetwas tun. Alle werden mich komisch ansehen, wenn ich hier mit Schnappatmung in der U-Bahn sitze. Uuuund so weiter, und so fort!

Je mehr ich mich mit dem Problem beschäftige, desto größer wird es

Die Angst kann erst dann gehen, wenn sie fließen darf. Sie ist schon da, daran gibt es nichts mehr zu drehen. Sie weghaben zu wollen, obwohl sie ja da ist, ist Versteckspielen mit der Realität.

Die Realität zu verleugnen ist aber der wahre Grund, warum die Angst überhaupt da ist. Ich lebe dann in Schreckensvorstellungen und Sorgen über eine imaginierte (also mit geistigen Bildern vorgestellten) Zukunft, während die Realität ist, dass ich in der U-Bahn sitze und einfach nichts Bestimmtes passiert. Vorgestellte Bilder von der Zukunft in fünf Sekunden, einer Stunde oder einer Woche, und was dort Furchtbares passieren wird.

 Wir wissen aber gar nichts darüber, was passieren wird! Einen Sch*** wissen wir. Wir tun so, als wüssten wir es. Als hätten wir eine magische Glaskugel. Wir verwechseln unsere Vorstellung mit dem, was wirklich passiert. Das ist die Realität unserer Angst. Sie ist ein Papiertiger, und das zu erkennen ist das Ende der Angst. Und der Anfang der Liebe. Dann verflüchtigt sich die Angst wie ein Glas mit Hochprozentigem. 

2. Den wahren Grund meiner Angst kennenlernen: Meine Gedanken

Hinter jedem Gefühl steht ein Gedanke. Wir denken oft, wir fühlen uns wegen einer Situation schlecht. In der U-Bahn ist es voll und deswegen bekomme ich Platzangst. In Wirklichkeit steht zwischen der Situation (A) und dem Gefühl (C) noch die Bewertung (B), der Gedanke. Wir interpretieren eine Situation und daraus wird unsere persönliche Realität. Deswegen sagen manche Lehren auch, dass wir mit unseren Gedanken die Welt erschaffen.

Hier ein kurzer Beweis, dass unsere Gedanken unsere Gefühle (und Verhalten) bestimmen:

A: Du diskutierst mit einem Freund, der über ein politisches Thema eine ganz andere Meinung hat als du. B: Du denkst dir: So ein Idiot, dass er so einen Mist denkt!
C: Das Ergebnis: Du ärgerst dich. Du willst für den Moment nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Oder:

B: Du denkst dir: Er sieht das aus einer ganz anderen Perspektive als ich. Ich frage mich, was er noch darüber denkt und ob ich darin vielleicht etwas finden kann, das auch für mich stimmt.
C: Das Ergebnis: Du gehst mit der anderen Meinung gelassener um und bist offener für die Sichtweise deines Freundes. Du fragst deinen Freund weiter nach seinen Ansichten.

Vielleicht siehst du jetzt: Der wahre Grund für deine Angst muss in deinen Gedanken liegen. Der sichere Weg raus aus der Angst ist also, deine Gedanken besser kennenzulernen und sie zu verändern.

Wie kann ich meine Gedanken verändern?

Dein Verstand gleicht einem Schiedsrichter beim Fußball: Hat er einmal ein Urteil getroffen, steht er dazu und rückt nicht von seiner Position ab. Außer, er befragt zum Beispiel seine Linienrichter oder ein Video vom entscheidenden Moment und verschafft sich ein neues Bild der Realität. Dann kann er seine Entscheidung rückgängig machen.

Genauso kannst du deine Gedanken mit bestimmten Fragen einer erneuten Prüfung unterziehen. Wenn du belastende Gedanken überprüfst, erlebst du die Situation auch völlig neu und fühlst dich besser. Beim nächsten Mal wird eine ähnliche Situation dir vielleicht ganz anders vorkommen, weil der Grund für die Angst nicht mehr da ist.

Hier liest du, wie du deine Gedanken liebevoll überprüfst und deinen inneren Schiedsrichter weisere Entscheidungen treffen lässt.

3. Körperliche Fitness

Ich sage nicht, dass fitte Menschen keine Angst haben. Aber Joggen zum Beispiel hat mir geholfen, denn dabei beruhigen sich die Gedanken und ich habe leichter Zugang dazu. Ich kann dann leichter verstehen, was in mir vorgeht und neue Blickwinkel auf mein Leben einnehmen.

4. Das Schlimmstmögliche akzeptieren und dann das Bestmögliche tun

Willis Carrier hat nicht nur die Klima-Anlage erfunden, sondern auch eine Technik, die im Buch Sorge dich nicht, lebe! von Dale Carnegie vorgestellt wird. Diese Übung hilft nicht nur bei Sorgen, sondern auch bei Ängsten.

So geht die Übung (mache sie bitte schriftlich, dann wirkt sie):

1. Schreib dir auf: Was ist das Schlimmste, das passieren kann?

2. Stell dir diesen Worst-Case vor und akzeptiere ihn. Stell dir vor, er ist eingetreten und schau dann zum Beispiel, was du dann tun könntest. Oder, was dann passieren würde. Und was würde dann passieren? Was steht ganz am Ende? Wenn du nichts mehr tun kannst, dann sieh das: dass du nichts mehr tun kannst. Warum sorgen, wenn du nichts mehr tun kannst, im schlimmsten Fall? Und warum sorgen, wenn du durchaus etwas tun kannst? Egal, was es ist, stell dir vor, wie das Schlimmste passiert und du es akzeptierst.

3. Schreib auf, was du tun kannst, um deine Lage zu verbessern. Und dann handle danach! Jetzt! Tritt in Aktion, anstatt weiter nachzugrübeln. Grübeln ist der Motor der Angst.

Fazit: Nervosität und Angst sind nicht das Problem.

Sie helfen, meine Gedanken in Ordnung zu bringen. Erst freundlich, dann mit Nachdruck, und zur Not mit Arschtritten. Aber immer zu meinem eigenen Wohl.

Ohne diese Gefühle hätte ich vielleicht mein ganzes Leben in riesigen Irrtümern gelebt. Irrtümer wie:

  • Ich brauche ihre Liebe
  • Ich darf keine Fehler machen
  • Ich kann anderen Menschen nicht vertrauen
  • Er / Sie will mir etwas Böses

Weil meine stressigen Gedanken aber diese Gefühle auslösen – alles von Nervosität bis Panik – habe ich angefangen, mich mit mir zu beschäftigen. Zurückbekommen habe ich mehr, als die Freiheit von Angst, sondern die Einsicht, dass das Leben schöner ist, als ich dachte.

Was ist deine Angst? Wann fühlst du dich ängstlich oder bist nervös? Schreib es in die Kommentare und ich schreibe dir meine Erfahrungen dazu.

4 Kommentare
    • Gidon Wagner
      Gidon Wagner sagte:

      Hallo Ilka, vielen Dank für dein Kommentar und deine Offenheit!

      Mein Vorschlag an dich wäre, in den jeweiligen Situationen einmal aufzuschreiben, was dir Angst macht. Die Situation in deiner Erinnerung erneut „besuchen“ und genau nachschauen, was dir Angst macht. Hier mal ein Beispiel von mir beim Autofahren:

      Ich habe Angst und Panik beim Autofahren, weil…

      …ich nicht einfach stehen bleiben kann (Auf der Autobahn)
      …die anderen Fahrer mich unter Druck setzen
      …ich nicht raus kann / Nicht stehen bleiben kann
      …ich die Kontrolle über das Auto verlieren werde

      Sehr hilfreich ist auch, zu schauen, was die anderen Menschen deiner Meinung nach in der jeweiligen Situation tun oder denken sollten. Oder was sie nicht tun oder denken sollten. Denn auf einer einsamen Insel hätten wir das Problem in der Regel ja nicht.

      Beispiele von mir (wieder beim Autofahren):

      – Sie sollten mich nicht ansehen
      – Sie sollten mich nicht unter Druck setzen
      – Sie sollten mir Zeit lassen
      – Sie sollten geduldig mit mir sein

      Trifft davon etwas auch bei dir? Magst du dazu ein paar Zeilen schreiben, was dir Angst macht oder was andere Menschen tun / denken sollten in deiner Situation? Wenn du möchtest, auch per E-Mail an gidon@herzbiskopf.de

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